Schott Music

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30. März 2020

Werk der Woche – György Ligeti: Kammerkonzert

Bei allen stilistischen Wandlungen, die György Ligeti als Komponist von den 1940er bis in die 2000er Jahre durchlebt hat, ist die konzentrierte Form doch stets sein Erkennungszeichen. Den Prototyp dafür finden wir mit dem Kammerkonzert in der Mitte seines Schaffens. Vor genau 50 Jahren, am 5. April 1970 brachten Friedrich Cerha und sein Ensemble “die reihe” die ersten beiden Sätze in Baltimore zur Uraufführung. Satz III folgte im Mai in Wien, Satz IV im Oktober desselben Jahres in Berlin. 

Das Kammerkonzert steht mit seiner Besetzung für 13 Instrumentalisten zwischen solistischer Kammermusik und sinfonischer Klangfülle. Mal gelingt es Ligeti Klangfelder von orchestraler Dichte zu komponieren, mal treten die einzelnen Instrumente solistisch hervor: mit exponierten Melodielinien, die an Schönbergs und Bergs melodisch-expressive Zwölftontechnik erinnern, oder auch mit quasi kadenzierenden Soloepisoden als Ausbruch aus dem metrischen Gefüge des Ensemblespiels, wobei die einzelnen Instrumentalisten als virtuos aufspielende Solisten hervortreten.

György Ligeti – Kammerkonzert: vom Misserfolg zum Standardstück

Das viersätzige Werk ist insofern ein Konzert, als alle 13 Spieler gleichberechtigt sind und virtuose solistische Aufgaben haben. Es handelt sich also nicht um ein Wechselspiel von Soli und Tutti, sondern um ein konzertantes Miteinander aller. Die Stimmen verlaufen stets gleichzeitig, doch in verschiedenen rhythmischen Konfigurationen und meist in verschiedenen Geschwindigkeiten. […] Das Kammerkonzert, das komplett 1970 uraufgeführt wurde, war ein totaler Misserfolg. Kritiker haben geschrieben, nach dem 2. Streichquartett sei dieses Werk ein großer Rückschritt. Im Laufe der Zeit wurde das Kammerkonzert von verschiedenen Ensembles mehrfach gespielt. Jetzt ist es wahrscheinlich ein Standardstück, weil die Besetzung günstig für solche Formationen wie zum Beispiel das Asko-Ensemble ist. Alle diese Dinge weiß der Komponist nicht im Voraus. – György Ligeti

Ligetis 100. Geburtstag am 28. Mai 2023 mag noch weit entfernt scheinen, dennoch möchten wir Sie dazu einladen, seine Musik im Hinblick darauf näher kennenzulernen. Dazu haben wir eine ausführlich kommentierte Playlist für Sie erstellt, die Sie über den unten stehenden Link erkunden können.

29. März 2020

Krzysztof Penderecki (1933–2020) – zum Tod des Komponisten 

Nach über 50 Jahren Verlagsfreundschaft müssen wir von Krzysztof Penderecki Abschied nehmen, der am 29.03.2020 in seinem Haus in Krakau gestorben ist. Mit ihm verliert die Musikwelt einen herausragenden Vertreter jener Komponistengeneration, die ihre ursprünglichen Impulse aus der Avantgarde des 20. Jahrhunderts empfing. Schon in den späten 1950er Jahren suchte und fand Penderecki im Spannungsfeld von Geräusch und Musik neue Möglichkeiten des kompositorischen Ausdrucks. Damit verstörte er ein konservatives Konzertpublikum, eröffnete aber gleichzeitig neue künstlerische Horizonte und setzte sich an die Spitze der europäischen Avantgarde. Nach seiner Abkehr von den Klangexperimenten der frühen Jahre sprach man von der neoromantischen Wende Pendereckis.

Wie kaum ein zweiter seiner Generation erntete er sowohl harsche Kritik als auch große Bewunderung für seine kompositorische Entwicklung. Mitte der 1980er Jahre fand sich der Komponist an exponierter Stelle mitten in der Postmoderne-Diskussion wieder. Für ihn ergab die Gleichung aus Avantgarde und Tradition jedoch keinen Widerspruch, vielmehr glaubte er an eine Ästhetik der Synthese: „Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, neue Klänge zu suchen und zu finden. Gleichzeitig habe ich mich mit Formen, Stilen und Harmonien der Vergangenheit auseinandergesetzt. Beiden Prinzipien bin ich treu geblieben…“. Die andauernde Präsenz von Meisterwerken, darunter die 7. Sinfonie Seven Gates of Jerusalem, die Oper Die Teufel von Loudun, das Polnische Requiem, und die wegweisende Lukas-Passion zeugt von der breiten internationalen Bewunderung, die dem Komponisten zuteil wurde und ihn zu einem der meistgespielten Komponisten unserer Zeit macht.

„Ich arbeite so, wie ein Komponist des 19. Jahrhunderts, der alles können musste, auch Dirigieren.“(Foto: Ludwig van Beethoven Association, Bartosz Koziak)

Einer der letzten Vertreter der großen Form

Wer heute aus zeitlicher Distanz die Lukas-Passion von 1966 hört, wird neben den experimentellen Kompositionsweisen darin auch traditionelle Elemente finden. Nicht zuletzt die markanten A-cappella-Sätze verrieten Pendereckis enge Bindung an historische Satztechnik. Mit den Jahrzehnten lichteten sich die dichten Cluster früherer Werke zu tonalen Strukturen, sperrige Klangflächen traten hinter einer rhythmisch und melodisch greifbaren Partitur zurück. Anklänge an die spätromantische Tradition Bruckners, Mahlers, Schostakowitschs oder Strauss‘ waren bewusst gewählt: „Ich bin einer der letzten Vertreter der großen Form, der alles schreibt: Sinfonien, Opern, Oratorien, Konzerte und Kammermusik. Ich arbeite so, wie ein Komponist des 19. Jahrhunderts, der alles können musste, auch Dirigieren.“

Papst Johannes Paul II empfängt seinen Freund Penderecki, 1983 (Foto: Mari)

In zahlreiche Kompositionen bettete der Komponist außermusikalische Inhalte ein – seine Sakralkompositionen zeugen oft von seinem tiefen katholischen Glauben. Mit seiner Musik setzte er auch immer wieder politische Akzente. Das Instrumentalwerk Threnos widmete er den Opfern der Katastrophe von Hiroshima, das Klavierkonzert Resurrection jenen des 11. Septembers 2001. Im Polnischen Requiem stellte Penderecki auf vielfältige Weise Bezüge zu seinem Heimatland her. Das Lacrimosa entstand 1980 als Auftrag der polnischen Gewerkschaft „Solidarnosc“, weitere Teile schrieb der Komponist zum Gedenken an die Opfer von Auschwitz und des Warschauer Aufstands. Als den Komponisten 2005 die Nachricht vom Tod Papst Johannes Paul II. erreichte, fügte er die Ciaccona in memoria Giovanni Paolo II hinzu. Von der Kritik ließ sich Penderecki in seinen Überzeugungen nicht erschüttern, als ihm etwa in einer polnischen Pressekampagne nach der Uraufführung von Resurrection vorgeworfen wurde, dass er der Ästhetik des sozialistischen Realismus huldige.

Glaube und Vergänglichkeit

Ein Merkmal seiner künstlerischen Arbeit ist, dass er über Jahrzehnte freundschaftlich mit herausragenden Solisten zusammen arbeitete. Zahlreiche Solowerke für Künstler wie Anne-Sophie Mutter (u.a. das zweite Violinkonzert Metamorphosen), Boris Pergamenschikow (Concerto grosso) oder Mstislaw Rostropowitsch (Concerto per violoncello ed orchestra no. 2) durchziehen das Werkverzeichnis des Komponisten. Er hörte auf die persönlichen Klangfarben in der Interpretation und komponierte so, dass die Interpreten größtmöglichen Raum zur Entfaltung erhielten. Seine Liebe zur Musik wollte Penderecki auch an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Unweit seines Landsitzes in Lusławice baute er das Krzysztof Penderecki European Centre for Music auf, das zum Treffpunkt für Musiker aus aller Welt wurde.

Der Gärtner aus Liebe: Penderecki pflegte ein ausladendes Arboretum (Foto: Krzysztof Wójcik)

Mit seiner achten Symphonie Lieder der Vergänglichkeit, in der Penderecki Texte berühmter Dichter rund um das Thema „Wald“ und „Baum“ vertonte, konnte er seine beiden großen Leidenschaften verbinden: Die Musik und die Natur. Für sein privates Arboretum sammelte er über 1700 unterschiedliche Baumarten. So wie die Liste der Auftraggeber, Widmungsträger und zahllosen Auszeichnungen über die Anerkennung in der internationalen Musikwelt Auskunft gibt, so erzählen die Bäume, die der weltweit gefragte Dirigent von seinen Konzertreisen mitbrachte, von seiner besonderen Liebe zur und Verbundenheit mit der Natur.

Erst nach seinen Gattungsbeiträgen sieben und acht stellte Penderecki 2017 seine 6. Sinfonie mit dem Beinamen „Chinesische Lieder“ zur Uraufführung in Guangzhou fertig. Jenseits der Opernbühnen und Konzertsäle wurde seine Musik in Kinofilmen wie „The Shining“, „Shutter Island“ und „Das Massaker von Katyn“ einem Millionenpublikum bekannt.

 

Titelfoto: Schott Music / Bruno Fidrych

23. März 2020

Werk der Woche – Hans Werner Henze: The Bassarids (Die Bassariden)

Da zurzeit nahezu alle Opern- und Konzerthäuser der Welt geschlossen sind, richten wir in dieser Woche den Blick auf eine aktuelle Inszenierung von Hans Werner Henzes The Bassarids – Die Bassariden. Die Produktion der Komischen Oper Berlin ist als kostenloses Video on Demand bei OperaVision zu sehen. Die Kritiken zur Inszenierung von Barry Kosky und musikalischen Umsetzung durch Vladimir Jurowski waren herausragend; es ist also eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Tiefen dieses epochalen Meisterwerks ausgiebig zu erkunden.  Das Video finden Sie am Ende dieser Seite. 

Die Handlung orientiert sich an den Bakchen des Euripides. Das Libretto entstammt der Feder von W. H. Auden und Chester Kallman. Bei seinem Antritt der Herrschaft über Theben spricht Pentheus zuallererst ein Verbot des Dionysos-Kultes aus. Wie sich später herausstellt, hat Pentheus diese Rechnung jedoch ohne Dionysos gemacht. Dieser kommt nämlich in Gestalt eines Fremden nach Theben und stiftet Pentheus zur heimlichen Beobachtung der nächtlichen Riten an. Dabei wird der Herrscher Thebens in Frauenkleidung durch seine eigene Mutter, Agaue, erschlagen, die ihn für ein wildes Tier hält. Das grausame Erwachen folgt am nächsten Morgen: Erst jetzt realisiert Agaue ihre Tat. Dionysos zeigt seine wahre Identität, enthüllt den vollzogenen Plan als Racheakt an Pentheus und verlangt die bedingungslose Verehrung durch das Volk von Theben.

Hans Werner Henze (rechts) mit Regisseur Gustav Rudolf Sellner (links) und den Librettisten Chester Kallman und W. H. Auden bei der Uraufführung von „Die Bassariden“ 1966 in Salzburg [Foto: Heinz Köster]

Hans Werner Henze: The Bassarids – Pole der menschlichen Existenz

Der Einakter besteht aus zwei Teilen und ist formal an eine viersätzige Symphonie angelehnt. Die große Besetzung, Komplexität des Librettos und vielschichtige musikalische Faktur machen die Aufführung von The Bassarids zu einem ambitionierten Projekt. Mit Dionysos und Pentheus stehen sich zwei Pole der menschlichen Existenz gegenüber, die auf der Grundlage des antiken Stoffes zahlreiche Bezüge zur Gegenwart zulassen.

Die Bassariden, die ich heute viel besser verstehe und die ich viel mehr liebe als damals, als ich sie schrieb, für mich bedeuten sie heute mein wichtigstes Theaterwerk. Interessant und modern und uns angehend und eigentlich auch die Jahre um 1968 angehend sind eben die Fragen: Was ist Freiheit, was ist Unfreiheit? Was ist Repression, was ist Revolte, was ist Revolution? All das wird eigentlich bei Euripides gezeigt, angedeutet, angeregt. Die Vielzahl, der Reichtum der Beziehungen, der greifbar-sensuellen Beziehungen zwischen dieser Antike, dieser Archais, und uns wird durch den Auden’schen Text hergestellt, und Euripides wird herangezogen in unsere Zeit, und zwar in einer Weise, wie es auch die brillanteste Regie mit dem griechischen Original nicht machen könnte, bei dem eben immer die Distanz zu einer anderen und lang zurückliegenden Zivilisation sich manifestiert. – Hans Werner Henze

Das Video on Demand ist noch bis zum 13. April zu sehen, eine letzte Aufführung der Produktion an der Komischen Oper Berlin ist für den 26. Juni geplant.     

Foto: © Komische Oper Berlin / Monika Rittershaus

4. Februar 2020

Volker David Kirchner 1942–2020: Klang von Menschen für Menschen

„Für mich ist das Entscheidende, mit Musik Menschen anzurühren, anzuregen, zuzuhören und über ein Problem nachzudenken.“

Diesem künstlerischen Programm fühlte sich der Mainzer Komponist und Bratschist Volker David Kirchner zeitlebens verpflichtet.

In seinem umfangreichen Schaffen bilden dreizehn musikdramatische Werke einen Schwerpunkt, darunter das 2000 im Rahmen der EXPO Hannover uraufgeführte Gilgamesch. Daneben stehen zwei Symphonien und zahlreiche weitere Werke für Orchester, Streichorchester sowie Solokonzerte. Kirchners Werkkatalog weist darüber hinaus ein opulentes Vokalschaffen auf, darunter auch groß angelegte Werke wie die für die Stadt Mainz komponierte Missa Moguntina (1993).

Kirchners besondere Liebe galt jedoch der Kammermusik. Ihr Repertoire hat er mit zahlreichen Werken verschiedenster Formationen bereichert, darunter vornehmlich traditionelle Besetzungen wie Streichquartett, Klaviertrio und Soloinstrument mit Klavierbegleitung.

Volker David Kirchner ist am 4. Februar nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren in Wiesbaden gestorben. Der Schott-Verlag ist dankbar für viele Jahre der freundschaftlichen Zusammenarbeit.

2. Dezember 2019

Lei Liang erhält den Grawemeyer Award 2020

Lei Liang wird mit dem prestigeträchtigen University of Louisville Grawemeyer
Award für sein Orchesterwerk A Thousand Mountains, A Million Streams ausgezeichnet. Die Auszeichnung ist der wichtigste Musikpreis für ein konkretes Werk und wird von der University of Louisville, Kentucky, ausgelobt.

In diesem Stück beschäftigt sich Liang mit dem Verlust kultureller und spiritueller Landschaften und wie deren Bewahrung gelingen kann. Lei Liangs reiche und ausdrucksstarke kompositorische Stimme spiegelt die Tiefe und Vielfalt menschlicher Erfahrungen wider. Die herausragende Verbindung von narrativen, symbolischen und lyrischen Formen in seiner Musik erweitert unser Bewusstsein für die Umwelt und lädt ein, uns einem universellen Humanismus hinzugeben.

Schott Music gratuliert Lei Liang sehr herzlich!

19. Juni 2019

Neuer Komponist bei Schott: Anno Schreier

Anno Schreier (Foto: Felix Grünschloß)

Der Komponist Anno Schreier und Schott Music werden gemeinsame Wege gehen. Dazu wurde jetzt ein Vertrag über die Zusammenarbeit geschlossen. Danach verlegt Schott sämtliche bisher im Selbstverlag erschienenen und zukünftigen Werke des 1979 in Aachen geborenen Schreier.

Ein Schwerpunkt von Schreiers musikalischem Schaffen liegt im Musiktheater. Er komponierte unter anderem Die Stadt der Blinden auf Grundlage des gleichnamigen Romans von José Saramago für das Opernhaus Zürich sowie Hamlet für das Theater an der Wien. Im Februar dieses Jahres fand die Uraufführung von Schade, dass sie eine Hure war nach John Ford an der Deutschen Oper am Rhein statt. Im Dezember 2019 kommt seine Familienoper Der Zauberer von Oz am Theater Aachen heraus. 

Schreier hat auch ein bereits umfangreiches Œuvre für Orchester- und Kammerbesetzungen erarbeitet. Bei Schott erschien bereits 2018 ein Prolog und Epilog zu Viktor Ullmanns Oper Der Kaiser von Atlantis. Das jüngste Werk – Nils Holgerssons wunderbare Reise – bringt das das Gürzenich-Orchester mit rund 300 Kindern aus zwölf Kölner Grundschulen Ende Juni zur Uraufführung.

Wir freuen uns sehr und begrüßen mit Anno Schreier einen Komponisten voller aufregender musikalischer Ideen herzlich bei Schott! Eine Übersicht der bisherigen Werke und eine umfassende Biographie finden Sie über den Link unten auf Schreiers Komponisten-Profilseite.

20. Mai 2019

Heinz Holliger 80

Heinz Holliger feiert am 21. Mai seinen 80. Geburtstag. Nach wie vor ist er als Komponist, Dirigent und Oboist in den Konzertsälen der Welt präsent. Sein im letzten Jahr am Opernhaus Zürich uraufgeführtes Musiktheater Lunea wurde in der Kritikerumfrage der „Opernwelt“ zur Uraufführung des Jahres 2018 gewählt. Holliger hat für die tiefgründige Auslotung der von ihm bevorzugten Dichtungen – wie zum Beispiel von Friedrich Hölderlin oder Robert Walser – die Grenzen des herkömmlichen Instrumentariums erweitert. Dafür experimentierte er mit avancierten, neuen Spieltechniken, um in zuvor unbetretene, oft an die Kühle elektronisch erzeugter Komponenten erinnernde Klangbereiche vorzudringen. Sein Verlag Schott Music gratuliert herzlich – mit einem aktualisierten Werkverzeichnis und zahlreichen Neuerscheinungen seiner Werke!

28. Januar 2019

Jean Guillou 1930–2019

Poet der Orgel

Zum Tod des Organisten und Komponisten Jean Guillou

Für Jean Guillou war es Berufung und Privileg zu gleich, sein gesamtes künstlerisches Leben der Orgel zu widmen. Als Interpret revolutionierte er das Orgelspiel, als Improvisator faszinierte er ganze Generationen von Konzertbesuchern, als Komponist öffnete er das Repertoire der „Königin der Instrumente“ für Bereiche, die zuvor als undenkbar galten. Trotz fortwährender gesundheitlicher Rückschläge verfolgte Guillou seine Ziele stets mit beharrlicher Kompromisslosigkeit. Seit 1963 war er Titularorganist von St. Eustache in Paris. Über drei Jahrzehnte wirkte er als Dozent bei den Züricher Meisterkursen. Mehrere namhafte Orgeln wurden nach seinen Plänen gebaut. Neben seinen zu Klassikern avancierten Orgel-Einspielungen hinterlässt Guillou ein imposantes kompositorisches Oeuvre aus Orgelwerken, Orchester- und Kammermusik.

Vielleicht war es ein Glücksfall, dass Guillou die ersten Jahre ohne einen professionellen Orgellehrer auskommen musste. Als Junge brachte er sich das Orgelspiel selber bei. Bereits mit zwölf Jahren spielte er so gut, dass er den regelmäßigen Musikdienst an Saint-Serge im heimischen Angers verrichten konnte. Hier scheint der Keim zu Guillous undogmatischer Spielweise angelegt, die später die Orgelwelt in ihren Bann ziehen sollte. Seine aus genauer Werkkenntnis gewonnene, in Phrasierung, Rhythmik und Akzentuierung völlig neuartige Interpretation der Werke Johann Sebastian Bachs faszinierten die Zuhörer und schockten die Dogmatiker einer pseudo-historischen Aufführungspraxis. Eine tief empfundene künstlerische Freiheit, die sich der nach außen hin so sanfte „Junge Wilde der Orgel“ auch dann nicht ausreden ließ, als er bei der Crème de la Crème der französischen Musikwelt studierte: bei Marcel Dupré, Maurice Duruflé und Olivier Messiaen. „In der Interpretation muss man die Anwesenheit und die Persönlichkeit des Interpreten fühlen“, sagte Guillou einmal.

Ungewöhnlich genug begann Guillou seine Karriere sowohl als Organist wie auch als Pianist. Zu seinen wichtigen Leistungen als Konzertpianist gilt unter anderem die Wiederentdeckung der Klaviersonate von Julius Reubke. Selbst der Ruf zum Orgel-Professor ans Istituto de Musica sarcra in Lissabon – Guillou war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 25 Jahre alt – stand der Doppelkarriere offensichtlich nicht im Wege. Ein längerer Sanatoriumsaufenthalt führte den jungen Professor für mehrere Jahre nach Berlin, wo die Begegnung mit den deutschen Orgeln nachhaltigen Eindruck auf ihn hatte. 1963 wurde Guillou auf Lebenszeit zum Titularorganisten von St. Eustache in Paris ernannt. Dieser großen Ehre zum Trotz galt der Prophet im eigenen Land zunächst wenig: Die weltweite Karriere des Solisten Guillou spielte sich außerhalb Frankreichs ab, zu groß war die Skepsis der Traditionalisten der „französischen Orgelbewegung“ gegenüber dem freigeistigen „Revoluzzer“ der Orgel.

Guillous erstaunliche Improvisationskunst mündete in den Impuls, das aus dem Moment Erschaffene in Noten zu fixieren. Fragte man den Franzosen nach seinen kompositorischen Vorbildern, so nannte er an erster Stelle stets Bach, aber auch die Renaissance-Meister der Mehrstimmigkeit landeten auf den vorderen Plätzen. Außerdem hinterließ ein vielsagendes Triumvirat – von der Romantik bis zur Moderne: Schumann, Debussy, Strawinsky – unverkennbare Spuren in seinem Werk. Ob in den zahlreichen Konzerten für Orgel und Orchester, den filigranen Kammermusikarbeiten oder den Werken für großes Sinfonieorchester, immer war Guillou auf der Suche nach den magischen Augenblicken. Sein Stil war frei von allen dogmatischen Zwängen, er arbeitete ebenso mit scharfen Dissonanzen wie mit einer versöhnlichen Tonalität. Als großer Kenner der Weltliteratur setzte er auf eine poetische Erzählkraft, die die musikalischen Motive als Personen einer dramatischen Handlung verstand. Alice im Orgelland heißt eines von Guillous poetischsten Werken. „Meine Werke bejahen das Leben, sie wollen Zeugnis geben von der großen Kraft, die im Leben steckt.“

Jean Guillou beim Besuch von Königin Elizabeth II im Jahr 2015

In den alljährlich veranstalteten Züricher Meisterkursen unterrichtete Guillou von 1970 bis 2005 etwa 250 Schüler. Für viele von ihnen wurde die Begegnung mit dem Organisten zu einem Schlüsselerlebnis ihrer weiteren Karriere. „Maître“ nannten sie respektvoll ihren immer höflichen, in der Sache aber kompromisslosen Lehrer. Trotz des Einflusses auf eine ganze Organisten-Generation schuf Guillou keine Schule im engeren Sinn. In den Kursen ging es darum, die Individualität jedes einzelnen Schülers zu entwickeln. Guillou lehrte eine Werkanalyse, die auch vor den kleinsten Details nicht Halt machte; die Schlüsse aus dem Analysierten sollte jeder Schüler selber ziehen.

„Für mich ist die Orgel nichts Statisches“. Mit Orgeladaptionen wie seinen Bearbeitungen von Mussorgskijs Bilder einer Ausstellung oder Tschaikowskys Scherzo aus der 6. Sinfonie hat Guillou das Orgelrepertoire konsequent aus der traditionellen Rolle des „sakralen“ Instruments geführt. Selten gab sich der Musiker mit dem Vorhandenen zufrieden. Seine große Liebe zu historischen Instrumenten hielt ihn nicht davon ab, einen entscheidenden Beitrag zum modernen Orgelbau zu leisten. Bedeutende Instrumente wie die Orgeln der Tonhalle Zürich oder des Auditorio de Tenerife gehen auf seine Entwürfe zurück.

Jean Guillou war ein Gestalter, dessen Blick auf die Zukunft gerichtet war. „Die Orgel hat trotz aller ihrer Veränderungen jenes besonders Verführerische und Faszinierende, das selbst noch in der Zukunft Bestand haben wird, und es ist diese ‚Zukunft‘, die wir begünstigen und wach halten müssen. – Dies ist mein Wunsch, dies ist mein Bestreben, dies ist meine Leidenschaft!“ Guillous Erbe gilt es zu pflegen und zu neuen Ufern zu führen, auch wenn uns der Vordenker auf diesem Weg verloren ist. Jean Guillou ist am 26. Januar 2019 in Paris verstorben.

18. Dezember 2018

90. Geburtstag von Heinrich Poos

„Die Suche nach neuer Musik, die mehr Musik als neu sein will, ist mühsam“ schreibt der Komponist und Musikwissenschaftler Heinrich Poos in seinem Aufsatz „Beziehungszauber“ über einige seiner kompositorischen Arbeiten. Dass er sich dieser Mühe seit Veröffentlichung erster Kompositionen vor über 60 Jahren immer wieder unterzieht, trägt in Form eines umfangreichen, vielseitigen OEuvres vor allem im Bereich der Vokalmusik reiche Früchte.

Poos wurde 1928 im evangelischen Pfarrhaus von Seibersbach im Soonwald geboren, wo die Haus- und Kirchenmusik zusammen mit dem protestantisch geprägten Umfeld schon in frühen Jahren den Grundstein für sein späteres Schaffen und Denken legten. Nach Ablegen des kirchenmusikalischen C-Examens in Oldenburg (1946) studierte Poos an der Berliner Kirchenmusikschule bei Ernst Pepping, Gottfried Grote und Herbert Schulze (kirchenmusikalisches Staatsexamen 1954) und komplettierte seine musikalische Ausbildung 1955 bis 1957 bei Ernst Pepping, Erich Peter und Boris Blacher an der damaligen Hochschule für Musik Berlin. 1955 bis 1970 war er als Kantor und Organist an verschiedenen Berliner Gemeinden tätig. In diese Zeit fällt auch sein Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Theologie an der Freien Universität Berlin (u.a. bei Adam Adrio, Heinz Dräger und Helmut Gollwitzer). 1964 wurde Poos von der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über das Vokalwerk von Ernst Pepping zum Dr. phil. promoviert. Nachdem Poos schon seit 1965 sowohl an der Technischen Universität Berlin als auch an der Hochschule für Musik als Lehrbeauftragter für Musiktheorie tätig gewesen war, wurde er 1971 Professor für Musiktheorie an der Hochschule der Künste Berlin. Nach seiner Emeritierung 1994 nahm er einen Lehrauftrag der Johann Wolfgang Goethe Universität Franfurt am Main an. Bis heute ist Poos als „Musikschriftsteller“ und Komponist tätig.

Poos’ kompositorisches und wissenschaftlich-literarisches Werk hat in den letzten Jahrzehnten national und international große Anerkennung gefunden, die sich nicht zuletzt auch in der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes (1987), der Verleihung des Kompositionspreises der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Chorverbände (1991), der Peter-Cornelius-Plakette des Landes Rheinland-Pfalz (1999) sowie der Geschwister-Mendelssohn-Medaille (2013) ausdrückte.

Am 25. Dezember 2018 wird Heinrich Poos neunzig Jahre alt.

 

5. Oktober 2018

Thomas Larcher: „Prix de Composition Musicale“ der Fondation Prince Pierre de Monaco

Thomas Larcher (photo: Richard Haughton)

Gestern, am 4. Oktober, wurde der österreichische Komponist Thomas Larcher mit dem Prix de Composition Musicale, dem Kompositionspreis der Fondation Prince Pierre de Monaco, ausgezeichnet. Den mit 75.000 € dotierten Preis erhält er für seine Sinfonie Nr. 2 „Kenotaph“ aus dem Jahr 2016. „Thomas Larcher: „Prix de Composition Musicale“ der Fondation Prince Pierre de Monaco“ weiterlesen