Schott Music

Skip to Main Content »

6. Dezember 2021

Werk der Woche – György Ligeti: Macabre Collage

Ein Orchesterwerk mit einer Sprengstoffexplosion und zwölf mechanischen Autohupen… das kann nur von Ligeti stammen! Vor genau 30 Jahren stellte der englische Dirigent und Komponist Elgar Howarth die Macabre Collage zusammen, eine Orchestersuite zu György Ligetis einziger Oper Le Grand Macabre. Nach der Neufassung der Opernvorlage musste diese Bearbeitung aber 1997 zurückgezogen werden, da einige Teile nicht mehr passten. 2021 wurden die Revisionen in die Macabre Collage eingearbeitet. Das NDR Elbphilharmonie Orchester präsentiert am 10. Dezember die erste Aufführung der revidierten Fassung. Brad Lubman dirigiert das Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie.  „Werk der Woche – György Ligeti: Macabre Collage“ weiterlesen

29. November 2021

Werk der Woche – Toshio Hosokawa: Deine Freunde aus der Ferne

Sprechende Katzen, lebendige Teddybären und fliegende Fische – ganz normal! Zumindest in Toshio Hosokawas neuem Kinderstück Deine Freunde aus der Ferne. Die Uraufführung des 40-minütigen Werks für Sprechstimme und Ensemble findet am 4. Dezember 2021 in der Philharmonie in Luxembourg als Teil des Festivals “Rainy Days” statt. Salome Kammer, die die Rolle der Protagonistin spricht, tritt zusammen mit dem Ensemble United Instruments of Lucilin auf. Nelly Danker führt Regie, Robert Pflanz ist für die Ausstattung verantwortlich. Deine Freunde aus der Ferne ist Hosokawas erstes Werk für Kinder und wurde für junge Menschen im Alter von 5 bis 9 Jahren geschrieben. Den Text verfasste Yoko Tawada in deutscher Sprache. „Werk der Woche – Toshio Hosokawa: Deine Freunde aus der Ferne“ weiterlesen

22. November 2021

Werk der Woche – Peter Eötvös: Sleepless

“Aus der Notwendigkeit heraus darf man alles tun.” Diese gewagte These stammt aus der Oper Sleepless von Komponist Peter Eötvös und seiner Ehefrau, der Librettistin Mari Mezei. Jon Fosses Roman Trilogie bietet die Grundlage für die Geschichte. Eötvös selbst dirigiert die Uraufführung des Werkes in Berlin am 28. November 2021 an der Staatsoper Unter den Linden. Kornél Mundruczó inszeniert, für Bühnenbild und Kostüme ist Monika Pomale verantwortlich. Die Aufführung findet in englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln statt. „Werk der Woche – Peter Eötvös: Sleepless“ weiterlesen

15. November 2021

Werk der Woche – Hannah Lash: The Peril of Dreams

Wir haben genug vom tristen Alltag und lassen uns von Hannah Lash auf eine Reise ins Land der Träume mitnehmen – kommen Sie mit? In ihrem neuen Stück für zwei Harfen und Orchester greift sie die Thematik des Träumens und der damit verbundenen Gefahren auf. Am 18. November 2021 findet die Uraufführung von The Peril of Dreams in der Benaroya Hall des S. Mark Taper Foundation Auditorium in Seattle statt. Hannah Lash ist nicht nur Komponistin, sondern auch studierte Harfenistin. An der Seite ihrer Kollegin Valerie Muzzolini ist sie selber Uraufführungs-Solistin ihres Doppel-Harfenkonzerts. Lash und Muzzolini spielen zusammen mit dem Seattle Symphony Orchestra unter der Leitung von Thomas Dausgaard. „Werk der Woche – Hannah Lash: The Peril of Dreams“ weiterlesen

8. November 2021

Werk der Woche – Chaya Czernowin: Atara

Die Corona-Pandemie stellte die Menschheit vor große Herausforderungen und löste ein Gefühl der Machtlosigkeit aus. Chaya Czernowin verarbeitete ihre Eindrücke dazu in ihrem neuen Werk Atara, einem Lamento für Orchester mit zwei verstärkten Singstimmen. Die Uraufführung findet am 9. November 2021 beim diesjährigen Wien Modern Festival statt. Es spielt das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Soli sind Sofia Jernberg (Sopran) und Holger Falk (Bariton), Dirigent ist Christian Karlsen.

Dichter Zohar Eitan als Inspiration für Atara von Chaya Czernowin 

Als Czernowin Anfang 2020 mit den Arbeiten an Atara begann, konnte sie nicht ahnen, dass die Welt kurze Zeit später stillstehen würde. Das Werk sollte ursprünglich ein Lamento über den Zwang des Menschen, die Umwelt und die Natur zu kontrollieren, werden. Aufgrund der Corona-Krise verwandelte es jedoch in ein Stück, das die Atmosphäre des Lockdowns sowie den Kontrollverlust während einer globalen Pandemie widerspiegelt. Inspiriert wurde die israelische Komponistin dabei von einem Gedicht ihres Freundes Zohar Eitan, welches den Text für Atara (hebräisch für: Krone) liefert.

In Atara bewegt sich das Orchester langsam und mächtig in gewaltigen unabhängigen Blöcken. Dagegen wirkt die kammermusikalische Formation der Gesangsstimmen fragil und wie verloren in den riesigen Räumen, die unvermittelt vom Orchester aufgestoßen werden. Chaya Czernowin

Die deutsche Erstaufführung von Atara wird in der Spielzeit 2022/23 im Rahmen der Veranstaltungsreihe “viva musica” mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München stattfinden.

Foto: Christopher McIntosh

1. November 2021

Werk der Woche – Peter Eötvös: Cziffra Psodia

Am 5. November wäre Georges Cziffra 100 Jahre alt geworden. Nach Liszt verkörperte wohl niemand das Ungarische in der Musik so wie er und keine exististierenden Werke waren anspruchsvoll genug für den legendären Klaviervirtuosen. 

An Cziffras Geburtstag gelangt Peter Eötvös’ neues Klavierkonzert Cziffra Psodia zur Uraufführung, um das Jubiläum zu feiern. Solist Janós Balász spielt mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter der Leitung von Mikko Franck im Budapester Konzerthaus MüPa. 

Das Klavierkonzert schrieb ich anlässlich des 100. Geburtstags von Georges Cziffra, den ich über eine familiäre Verbindung schon als Kind kennenlernen durfte. Cziffras ganzes Leben war zugleich von Erfolg und Tragödie begleitet. Er hatte ein rhapsodisches, dramatisches Leben. Genau diese Atmosphäre habe ich versucht, in meinem Klavierkonzert zu erzeugen. Der charakteristische metallische Rhythmus, der im ersten Satz zu hören ist, erinnert an die Arbeit im Steinbruch während seiner Gefangenschaft. Den späteren meditativen Zustand der Momente seines Rückzugs aus der Öffentlichkeit, komponierte ich in drei ruhigen Kadenzen. Jeder Satz endet mit einem kurzen Violinsolo, einer persönlichen Hommage. Peter Eötvös 

Am 7. November ist die französische Erstaufführung von Cziffra Psodia im Maison de la radio et de la musique in Paris zu erleben. Die schweizeischen und norwegischen Erstaufführungen folgen mit dem Orchestre de la Suisse Romande und dem Stavanger Symphony Orchestra in 2022 und 2023. 

Foto: Tibor Bozi

26. Oktober 2021

Werk der Woche – Paul Dessau: Die Verurteilung des Lukullus

Am Montag, den 1. November 2021 wird die Oper Die Verurteilung des Lukullus von Paul Dessau in der Staatsoper Stuttgart aufgeführt. Das Werk ist zum ersten Mal in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu sehen. Es inszeniert das Musiktheaterkollektiv „Hauen und Stechen“ um Julia Lwowski und Franziska Kronfoth. Dirigent ist Bernhard Kontarsky, der seit 1969 der Staatsoper Stuttgart verbunden ist.

Die Oper von 1949 basiert auf dem Hörspiel Das Verhör des Lukullus von Bertolt Brecht, das der Dichter bereits im Jahr 1939 verfasste. Dessau und Brecht waren beide während der Nazi-Herrschaft im Exil gewesen und entschieden sich bei ihrer Rückkehr, sich in der Sowjetischen Besatzungszone niederzulassen. Im Jahr der Gründung der DDR arbeiteten sie gemeinsam am Libretto des „Lukullus“, in dem sie ihre Kritik am Zweiten Weltkrieg und an jeglicher militärischer Expansion zum Ausdruck brachten. Wegen Dessaus moderner Tonsprache und weil den sozialistischen Machthabern die Kritik am ausbeuterischen Herrschermodell noch zu schwach erschien, gab es bereits während der Proben Auseinandersetzungen mit dem Produktionsteam. Die geschlossene Uraufführung am 17. März 1951 in Admiralspalast-Provisorium der Deutschen Staatsoper Berlin löste eine heftige Debatte aus. Erst nach Änderungen durch die beiden Autoren – unter anderem die Umbenennung der Oper von Das Verhör des Lukullus zu Die Verurteilung des Lukullus – wurden weitere Aufführungen zugelassen, sodass das Werk anschließend im Repertoire der Staatsoper gespielt wurde.

Lukullus bei Bertolt Brecht und Paul Dessau als Feldherr und Prahlhans

Zum Inhalt: Der römische Heerführer Lukullus wird – nach dem pompösen Staatsakt seiner Beerdigung – in der Schattenwelt zur Rechenschaft gezogen. Unter den Schöffen des Totengerichts befinden sich auch seine Opfer. So werden seine triumphalen Erfolge anders bewertet, als er es gewohnt war. Nicht seine Siege, sondern die Verluste bei seinen Feinden und in den eigenen Reihen werden ihm angerechnet. Das Urteil ist eindeutig: „Ins Nichts mit ihm!“

Bemerkenswert an der Partitur ist die Wahl der Instrumente. Dessau verzichtete auf Geigen und Bratschen und wählte dafür ein neunköpfiges Schlagwerk. Durch die Abwechslung von Bläser- und Percussionsklängen und den Einsatz der tiefen Streicher ergibt sich ein kontrastreiches und effektvolles Klangbild.

Dass ich den Lukullus mit Pauken und Trompeten einführe, hat nichts mit dem klassischen Klischee der Heldeneinführung gemein. Bei mir ist es parodistisch gemeint. Ich führe ihn mit Pauken und Trompeten ein, um zu sagen, jetzt kommt ein großer Prahlhans. (Paul Dessau)

Weitere Aufführungen sind in der Stuttgarter Staatsoper am 06./13./15./20. November geplant.

18. Oktober 2021

Werk der Woche – Anthony Davis: You Have the Right to Remain Silent

Aus eigener Erfahrung kennt Anthony Davis das Problem der überzogenen Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten. In vielen seiner Werke greift er das Thema künstlerisch auf, 2020 erhielt er dafür den Pulitzer Price. Das Klarinettenkonzert You Have the Right to Remain Silent schildert seine frühe Erinnerung an eine aggressive Verkehrskontrolle und zitiert im Titel den Eröffnungssatz eines jeden Polizeiverhörs „Sie haben das Recht zu schweigen“.

In vier Konzerten spielt das New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dalia Stasevska das Stück ab dem 20. Oktober in der Alice Tully Hall New York, Solist ist Anthony McGill.

In den 1970er Jahren fuhr der Afro-Amerikanische Komponist Anthony Davis mit dem Auto Richtung Boston, um dort ein Konzert zu besuchen. Dabei wurde er von einem Polizisten angehalten:

Er hatte seine Sirene eingeschaltet und stoppte meinen Wagen. Ich wollte gerade aussteigen und ihn fragen, was denn los sein und dass ich nicht zu spät zu meinem Konzert kommen will. Doch als meine Frau sich umdrehte, sagte sie mir, ich solle besser sitzen bleiben, da der Polizist bereits mit seiner Waffe auf mich zielte. – Anthony Davis

Die Deutsche Erstaufführung von You Have the Right to Remain Silent wird am 13. November 2021 in der Siemens Villa Berlin mit der Berlin Academy of American Music stattfinden.

Seit einigen Monaten veröffentlicht Schott Music die Werke von Anthony Davis. Davis’ umfangreiches und breitgefächertes Œuvre, das Opern-, Orchester-, Kammermusik und
Chorwerke umfasst, hat ihn zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten im heutigen amerikanischen Musikleben gemacht. Große Beachtung genießt er ebenfalls als Jazz-Pianist und Leiter des Ensembles Episteme, mit dem er seit den 1980er-Jahren zusammenarbeitet.

Fotos: N. Cepeda, Aldeca Productions / Adobe Stock

11. Oktober 2021

Werk der Woche – Joseph Schwantner: Violin Concerto

Am Freitag, dem 15. Oktober 2021 gelangt das Concerto for Violin and Orchestra von Joseph Schwantner zur Uraufführung. Interpreten bei der Veranstaltung in der Orchestra Hall Detroit sind der Geiger Yevgeny Kutik und das Detroit Symphony Orchestra unter der Leitung von Leonard Slatkin.

Es ist das erste als Violinkonzert bezeichnete Werk des 78-jährigen amerikanischen Komponisten. Frühere Werke für Violine und Orchester betitelte er mit The Poet’s Hour… und Angelfire. Ersteres diente als Ausgangpunkt für das neue, mit rund 30 Minuten Spieldauer auslandend angelegte Konzert:

Die Entstehungsgeschichte des Violinkonzerts begann ursprünglich als eine Art kurzes Zwiegespräch für Violine und Streicher. Es wurde vom Seattle Symphony in Auftrag gegeben, um meinen Freund Gerard Schwarz, der das Orchester lange geleitet hatte,  feierlich in den Ruhestand zu verabschieden. Ich hatte immer geplant, die Musik später als Teil eines größeren Werks für Violine und Orchester zu erweitern und neu zu interpretieren. Als Gerard die Musik mit seinem All-Star-Orchester und dem Geiger Yevgeny Kutik aufführte, war ich von Yevgenys meisterhafter und nuancierter Darbietung begeistert. Er bringt einen dramatischen und emotionalen Bogen mit einer beeindruckenden Technik und einer fesselnden musikalischen Persönlichkeit zusammen. Seine Sicht auf das Stück blieb mir beim Komponieren des Konzerts im Ohr. (Joseph Schwantner)

Am Tag 16. Oktober ist eine weitere Aufführung an gleicher Stätte zu erleben, beide Konzerte werden auch im Live-Stream übertragen

11. August 2021

Werk der Woche – Luigi Nono: Intolleranza

Ein Jahr nach dem ursprünglich geplanten Termin feiert Intolleranza von Luigi Nono am 15. August bei den Salzburger Festspielen Premiere. In der Inszenierung von Jan Lauwers sind Sean Panikkar und Sarah Maria Sun in den Hauptrollen als Flüchtling und dessen Gefährtin zu sehen. Es spielen die Wiener Philharmoniker und am Pult steht Ingo Metzmacher.

Das 1961 vollendete Intolleranza  ist Luigi Nonos erstes Bühnenwerk und verweist – als Azione scenica  bezeichnet – auf die Abkehr von einem erzählenden Musiktheater. Das Libretto ist keine zusammenhängende Geschichte; Nono verwendet vielmehr Gedichte und dokumentarische Texte wie politische Verhöre, Schlagzeilen oder Texte von Folterungen, die wie Schlaglichter das Geschehen begleiten. Deutlich sind Einflüsse des Brecht’schen Theaters erkennbar, indem das Publikum aktiv in das Geschehen einbezogen und vor die Frage gestellt wird, wie, unter welchen Bedingungen und gegen welche vor allem politischen Widerstände wahres, bewusstes Menschsein möglich ist.

In elf Stationen beschreibt Nono die Reise des Protagonisten auf dem Weg in seine Heimat, aus der er geflüchtet war. Dabei greift der Komponist auf damals gegenwärtige wie auch auf vergangene historische Ereignisse zurück. Der Protagonist durchlebt eine Friedensdemonstration ebenso wie ein polizeiliches Verhör, eine Folterung im Konzentrationslager und eine humanitäre Katastrophe durch eine Flutwelle auf seiner Flucht. Intolleranza ist ein politisch-ethischer Appell gegen Gewalt, Intoleranz, Diskriminierung und Rassismus und heute auf schockierende Weise ebenso gültig wie vor 60 Jahren.

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut / in der wir untergegangen sind / gedenkt / auch der finsteren Zeit / der ihr entronnen seid.“ (aus dem Libretto)

Nachdem Nono das Stück bei seiner Uraufführung Intolleranza 1960 bezeichnete, ist es üblich geworden, die Jahreszahl der jeweiligen Premiere an den Titel anzuhängen. Am Opernhaus Wuppertal läuft derzeit noch eine Serie von Streaming-Aufführungen unter dem Titel Intolleranza 2021. In der kommenden Spielzeit wird das Stück dort auch vor Publikum gespielt.

Foto: Luigi Nono 1961 (koloriert); © Archiv Schott Music