Interview mit Raquel Cristóbal

»Die menschliche Stimme braucht kein Ornament«

Cristobal_4c_150_210px_72dpiMit der gebür­ti­gen Spa­nie­rin Raquel Cris­tó­bal, die seit 2011 ihren Lebens- und Schaf­fens­mit­tel­punkt nach Deutsch­land ver­legt hat, sprach schottchor.com über ihre musi­ka­li­sche Prä­gung, die (Chor-)Musikszene Tene­rif­fas und ihre bei Schott Music ver­legte Chor­mu­sik.

schottchor.com: Wo sehen Sie Ihre musi­ka­li­schen Vor­bil­der bzw. Wur­zeln?

R.C.: Fast jeder große Kom­po­nist dient mir als Vor­bild. Ich habe als Kind auf dem Schoß mei­nes Vaters viel »klas­si­sche« Musik gehört. Er war kein Musi­ker, aber er ist der­je­nige, der mir die Liebe zur Musik ver­mit­telt hat. Ich kann mich sehr gut daran erin­nern: Mozart, Beet­ho­ven, Schu­mann, Bach, Tschai­kow­sky, Mah­ler. Ich war ein sehr sen­si­bles Kind. Ich habe mit dem Alle­gretto der 7. Sin­fo­nie von Beet­ho­ven manch­mal Trä­nen ver­gos­sen.

Spä­ter habe ich als Pia­nis­tin und Kom­po­si­ti­ons­stu­den­tin mein Kom­po­nis­ten­re­per­toire erwei­tert. Meine erste Kla­vier­leh­re­rin stammte aus dem dama­li­gen Jugo­sla­wien. Sie bediente sich einer Kla­vier­me­thode, die mir die düs­tere Sono­ri­tät der sla­wi­schen Musik näherb­rachte. Ich fand das so fas­zi­nie­rend! Die nüch­terne Ein­fach­heit, die eigen­ar­tige Behand­lung der Dis­so­nan­zen, die ewige Melan­cho­lie. Es war meine erste ato­nale Musik. Etwas spä­ter hat mir mein Kla­vier­pro­fes­sor die unwie­der­hol­ba­ren Op . 11 und Op. 19 von Schön­berg vor­ge­stellt. Er nannte ihn »den Schu­mann des 20. Jahr­hun­derts«.

Wäh­rend mei­nes Kom­po­si­ti­ons­stu­di­ums habe ich viel Mes­siaen, Pen­der­ecki, Lutoslaw­ski, Ligeti und natür­lich jede Menge Bach ana­ly­siert. Dabei habe ich vor allem eine Sache gelernt: Johann Sebas­tian Bach wandte bereits sämt­li­che moder­nen Kom­po­si­ti­ons­ver­fah­ren an. Die neue­ren Kom­po­nis­ten haben ein­fach den klas­si­schen Kon­tra­punkt erwei­tert.

schottchor.com: Inwie­weit ist Ihre Musik bzw. sind Sie als Künst­le­rin von Ihrem eins­ti­gen Lebens­mit­tel­punkt Spa­nien bzw. Tene­riffa geprägt?

R.C.: Die eigene Her­kunft hat immer eine große Bedeu­tung für jeden Künst­ler. Ich ver­wende aber nicht bewusst Ele­mente der spa­ni­schen Musik. Ich ver­su­che immer, eine mög­lichst neu­trale musi­ka­li­sche Spra­che zu benut­zen. Trotz­dem habe ich hier mehr­mals gehört, dass meine Musik von mei­ner Her­kunft sehr geprägt sei.

schottchor.com: Wo wird man als frei­schaf­fende Kom­po­nis­tin erns­ter genom­men – in Spa­nien oder in Deutsch­land?

R.C.: Das ist sehr schwer zu beant­wor­ten. Ich muss sagen, in Deutsch­land fühle ich mich im All­ge­mei­nen als Per­son »erns­ter« genom­men. Egal, was man macht. Alles wird ernst genom­men: sport­li­che Akti­vi­tä­ten, künst­le­ri­sche Beschäf­ti­gun­gen. Im Musik­be­reich spürt man, welch enorme musi­ka­li­sche Tra­di­tion Deutsch­land hat. Ein Bei­spiel: Als Jugend­li­che in Spa­nien wurde mir mehr­mals die typi­sche Frage gestellt: »Was stu­dierst du?« »Ich? Musik.« »Na, gut, Musik, und was noch?« Ich möchte aber nicht unge­recht sein. Ich habe trotz­dem in Spa­nien auch viele gute Erfah­run­gen als Kom­po­nis­tin gemacht, Orches­ter­auf­füh­run­gen inklu­sive.

schottchor.com: Wie erle­ben Sie die chor­mu­si­ka­li­sche Pra­xis in Deutsch­land im Ver­gleich zu jener in Spa­nien?

R.C.: Bei uns gibt es keine Kir­chen­mu­sik. Musik und Got­tes­dienst gehö­ren nicht unbe­dingt zusam­men. Die chor­mu­si­ka­li­sche Pra­xis wird außer­halb des Got­tes­diens­tes erlebt. Meis­tens die­nen die Kir­chen als Kon­zert­säle für sakrale Musik. Wir haben jedoch eine sehr große chor­mu­si­ka­li­sche Tra­di­tion. Auf Tene­riffa selbst gibt es sehr viele Chöre und sogar inter­na­tio­nale Chor­kom­po­si­ti­ons­wett­be­werbe. Ich weiß, dass auf­grund unse­res beson­de­ren Kli­mas Tene­riffa prak­tisch nur als Urlaubs­pa­ra­dies bekannt ist – das ist aber nur eine unse­rer zahl­rei­chen Facet­ten. Wie gesagt, es gibt da z.B. eine sehr alte Uni­ver­si­tät, eine Musik­hoch­schule, ein sehr gutes sin­fo­ni­sches Orches­ter, ein welt­be­kann­tes Musik­fes­ti­val und im Grunde ein kul­tu­rel­les Leben. Es ist natür­lich mit Deutsch­land nicht zu ver­glei­chen, aber ich denke, dass wir als kleine Insel sehr stolz dar­auf sein kön­nen.

schottchor.com: Ihre bei Schott Music bis­lang ver­legte Chor­mu­sik ist für eine gemischte A-cap­pella-Beset­zung bzw. für glei­che Stim­men a cap­pella geschrie­ben. Was spricht Sie an die­sem rein voka­len Klang­ty­pus beson­ders an?

R.C.: Die klang­li­che Rein­heit. Die mensch­li­che Stimme braucht kein Orna­ment.

schottchor.com: Wie ord­nen Sie selbst den Schwie­rig­keits­grad Ihrer Werke ein? Wel­che Vor­aus­set­zun­gen soll­ten Chöre dafür mit­brin­gen und was wäre Ihre per­sön­li­che Traum­chor­stärke?

R.C.: Ich habe als Chor­sän­ge­rin selbst viele moderne Stü­cke genie­ßen dür­fen … und auch erlei­den müs­sen. Ich ver­su­che immer tech­nisch aus­führ­bare Musik zu schrei­ben. Ich arbeite meis­tens mit einer sehr ein­fa­chen Melo­dik. Die Sono­ri­tät mei­ner Werke kommt aus der ver­ti­ka­len Dimen­sion der Musik her­aus.

schottchor.com: Wie kam es zur Ver­to­nung des Zyklus »Homen­aje a Lorca«? Worin liegt für Sie die beson­dere Fas­zi­na­tion gerade die­ser Dich­tun­gen?

R.C.: Ich liebe ein­fach die Spra­che von Fede­rico Gar­cía Lorca. Er war sehr volks­nah und sub­til und ver­wen­det die Spra­che genauso wie Joa­quín Turina und Isaac Albé­niz die Töne: Seine Gedichte sind auch voll von fein­sin­ni­gen Dis­so­nan­zen. Meine Musik ist sehr trans­pa­rent. Ich habe ver­sucht, die beson­dere Atmo­sphäre der drei Gedichte von Lorca zu ver­to­nen: eine Mischung aus Dor­nen, Tod und Stille.

schottchor.com: Wür­den Sie für uns abschlie­ßend noch fol­gen­den Satz ver­voll­stän­di­gen: »Chor­mu­sik ist für mich …

R.C.: … die reinste Form der Musik.«

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