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Schott Music

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Interview mit Albrecht Pieper

Brücke der Zuversicht zur „Welt hinter den Dingen“

schottchor.com spricht mit dem Komponisten und Kirchenmusiker Andreas Pieper über die eigenen künstlerischen Wurzeln, seine Präferenz für A-cappella-Chormusik sowie Chancen und Probleme innerhalb der lebendigen Chormusiklandschaft im Ruhrgebiet.

schottchor.com: Wo sehen Sie Ihre musikalischen Vorbilder bzw. Wurzeln?

A.P.: Weit in die Vergangenheit zurückgehend ist die Musik von und um Palestrina und Thomas Tallis für mich seit jeher Quelle der Begeisterung gewesen. Meine besondere Liebe gilt Johannes Brahms. Außerdem fasziniert mich die A-cappella-Chormusik von Hugo Distler und Francis Poulenc.

schottchor.com: Inwieweit ist Ihre Musik bzw. sind Sie als Künstler von Ihrem Lebensmittelpunkt „Ruhrgebiet“ geprägt?

A.P.: Eine Prägung meiner Musik durch die mir am Herzen liegende Ruhrregion ist mir nicht bewusst. Die oft zitierte Offenheit und Aufgeschlossenheit der Menschen des Ruhrgebietes trägt sicher zur kulturellen Vielfalt bei und ist somit Anregung und Ansporn für immer neue Ideen. Der große Reichtum kultureller Institutionen im Ruhrgebiet, die Vielfalt der Möglichkeiten beflügelt die Inspiration.

schottchor.com: Wie würden Sie Ihren persönlichen Kompositionsstil beschreiben?

A.P.: Für die kirchenmusikalische Praxis, besonders für Chöre, schreibe ich meist und gern freitonal, modal, tonal. Dabei liebe ich polyphon verschränkte, geschmeidige Linienführung, harmonische Rückungen, freies Schweifen durch wechselnde Tonarten, enharmonische Fortschreitung und farbige, emotionale Klanglichkeit. Die Chorsängerinnen und -sänger sollen sich beim Singen wohlfühlen, emotional angeregt werden. Klaviermusik, Kammermusik allgemein, Orchestermusik, Orgelmusik für Konzert und den außerliturgischen Raum habe ich in der Regel atonal bis gelegentlich experimentell angelegt.

schottchor.com: Der überwiegende Teil Ihrer bei Schott Music verlegten geistlichen Chormusik ist für eine gemischte A-cappella-Besetzung geschrieben. Was macht für Sie den Reiz dieses rein vokalen Klangtypus aus?

A.P.: Die Beschränkung der äußeren Mittel für eine Chorkomposition vermittelt mir ein Gefühl der Freiheit und Konzentration auf die zentrale musikalisch-theologische Aussage. Hierfür scheinen mir persönlich Klarheit, Reinheit und im Idealfall eine gleichsam kristalline Form die angemessenen Mittel, die mir die Reduzierung des Materials am besten zu gewährleisten scheinen.

Im Übrigen finde ich den Gedanken reizvoll, dass der singend-betende Mensch, so aller instrumentalen Hilfsmittel entkleidet, unmittelbar in einer gewissen Blöße vor Gott steht.

schottchor.com: Wie kam es zur Vertonung des Zyklus „Wenn es das Licht ist“ (Schott Music, C 55912) auf Gedichte von Sigrid Nordmar-Bellebaum und wie ist dieses Werk stilistisch einzuordnen?

A.P.: Die Dichterin ist Anthroposophin und wir sind seit vierzig Jahren befreundet. Ich habe mich immer für die Vielfalt der geistigen Weltanschauungen interessiert. Die in den 1980er-Jahren vertonten Gedichte von Sigrid Nordmar-Bellebaum haben mich durch ihren geheimnisvollen Blick auf eine „Welt hinter den Dingen“ fasziniert. Dies ist der Raum, in dem ich mich seit jeher musikalisch bewegen möchte. Die Musik ist vorwiegend atmosphärisch, linear-freitonal angelegt.

schottchor.com: Als Kantor einer Kirchengemeinde wissen Sie selbst nur zu gut um die Problematik und die Nachwuchssorgen im kirchenmusikalischen Bereich. Nehmen Sie darauf in Ihren geistlichen Chorkompositionen Rücksicht?

A.P.: Den Schwierigkeitsgrad meiner Chorstücke passe ich immer den Bedingungen an, die ich vorfinde. Ich habe allerdings das große Glück, mit der „Capella Palestrina“ vor sieben Jahren einen Chor gegründet haben zu können, dessen 16 bis 18 Mitglieder von großer Musikalität, Intonationsreinheit, Begeisterungsfähigkeit, Einsatzbereitschaft und Gestaltungskraft sind. Die für diesen Chor geschriebene Musik kann ich so zu meiner Freude diesem hohen Niveau anpassen.

Schottchor.com: Wie erleben Sie die chormusikalische Praxis in der Region?

A.P.: Das Ruhrgebiet verfügt über eine große, ja, wie ich meine feststellen zu können, wachsende Zahl von Chören. Gern werden heute projektgebundene Chorgruppen gebildet. Die dauerhafte Bindung ist dem Zeitgeist zum Opfer gefallen. Darin liegen aber Chancen der Vielfalt und Neugründungen. Meine „Capella Palestrina“ war zum Beispiel als Projektchor angedacht und ist jetzt, auf Wunsch der Sängerinnen und Sänger, eine Dauerinstitution. Bei entsprechendem Repertoire und Engagement des Chorleiters ist auch die Nachwuchsfrage in vielen Chören, auch im kirchlichen Bereich, durchaus nicht immer ein großes Problem. Das Qualitätsbewusstsein und der Anspruch sind in diesen Chören von großer Wichtigkeit. Dann hat eine solche Gemeinschaft Zukunft.

Allerdings ist die gepriesene kulturelle Angebotsvielfalt im Ruhrgebiet nicht nur eine Chance, sondern kann auch ein Problem sein: Fast immer gibt es Konkurrenz bei der Terminwahl für Konzerte. Übersättigung ist hier das Stichwort. Nicht immer sind Konzerte dadurch so gut besucht, wie es die Vorarbeit rechtfertigen sollte.

Schottchor.com: Würden Sie für uns abschließend noch folgenden Satz vervollständigen: „Chormusik ist für mich …

A.P.: … die Möglichkeit, eine Brücke der Zuversicht zur ‚Welt hinter den Dingen‘ schlagen zu können.“