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Schott Music

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Schöpfer einer singulären Klanglichkeit

Raimund Wippermann stellt als Professor für Chorleitung und Rektor der Musikhochschule Düsseldorf die personellen Weichen für die chormusikalische Zukunft. Daneben leistet er als Gründer und Dirigent des Mädchenchors am Essener Dom selbst seit vielen Jahren bedeutende Basisarbeit. schottchor.com sprach mit ihm über die persönlichkeitsprägende Kraft des Singens, pädagogische Glücksmomente und das Ideal eines »gebauchten Klangs« für seine bei Schott Music verlegte Chormusik.

schottchor.com: Als Gründer und Leiter des Mädchenchors am Essener Dom haben Sie auf jegliche Aufnahmekriterien verzichtet. Wer will, darf mitsingen. Kann also wirklich jeder Mensch singen?

R.W.: Ja, prinzipiell kann jeder Mensch singen. Manche wissen es nur nicht oder haben es vielleicht auch nicht gelernt. Singen ist im Prinzip Muskelarbeit, genau wie Laufen oder irgendetwas Heben, weil die Muskeln, die den Kehlkopf halten, auf bestimmte Weise eingestellt werden müssen. Muskeln kann jeder Mensch einsetzen, aber dafür muss man verschiedene Dinge lernen. Das ist eine sehr feinmotorische Angelegenheit und erfordert deswegen natürlich auch ein gutes Training: Aber prinzipiell kann das jeder lernen.

schottchor.com: Gilt das auch für die Stimmerziehung von Erwachsenen?

R.W.: Ab einem gewissen Alter altert die Stimme genauso wie der Mensch und funktioniert nur noch eingeschränkt – genau wie der Mensch. Das hängt von vielen Umständen ab, z.B. auch von der Lebensgeschichte des Betreffenden. Manche sind bereits mit 50 Jahren gebrochene Menschen, weil sie etwas Schlimmes erlebt haben – und dann funktioniert das Singen nicht mehr. Und andere singen mit 70 Jahren noch ganz wunderbar. Insgesamt lässt sich festhalten: Etwas zu entwickeln, ist natürlich bei Kindern und jungen Erwachsenen leichter als bei älteren Menschen. Das hat nach meiner Erfahrung auch damit zu tun, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene noch in einer Phase sind, in der Lernen zum Alltag gehört – und irgendwann ist das eben nicht mehr so.

schottchor.com: Wie erklärt sich Ihr Faible für bzw. Ihre Konzentration auf Mädchen- und Frauenchorsätze?

R.W.: Das erklärt sich im Grunde aus den Gegebenheiten meiner Tätigkeit: Ich habe vor 24 Jahren angefangen, in Essen am Dom als Domkapellmeister zu arbeiten. Damals leitete ich den Domchor, das war (und ist auch heute noch) ein gemischter Chor für Erwachsene. Und man hatte mir aufgetragen, den Mädchenchor zu gründen. 1997 wurde ich Professor für Chorleitung an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf und habe den Domchor abgegeben. Den Mädchenchor aber behielt ich weiter. Das ist im Moment das einzige und natürlich auch wichtigste künstlerische Standbein, das ich neben der eher verwaltenden Tätigkeit als Rektor der Hochschule habe.

schottchor.com: Wann kommen Sie denn da überhaupt noch zum Komponieren?

R.W.: Irgendwann fing ich an, einmal im Jahr – immer im Urlaub – für die Mädchen ein Stück zu schreiben. Das ist mein Instrument … ich habe es aufgebaut und entwickelt und zu einer Klanglichkeit geführt, die durchaus etwas Singuläres hat. Wenn ich Musik in meinem Kopf entstehen lasse, dann habe ich dieses Instrument immer im Ohr. Es ist also so etwas wie mein ständiger Begleiter. Daraus erklärt sich auch die Tatsache, dass ich alle meine Stücke für Frauen- bzw. Mädchenchor komponiere.

schottchor.com: Welche Stilistik erwartet den Hörer und Sänger bei Wippermann-Werken?

R.W.: Alle meine Chorkompositionen sind in einer frei-tonalen Tonsprache gehalten, die den Bezug zur Dur-Moll-Tonalität nicht scheut, diese aber um neue Farben erweitert. Da sich jeder musikalische Ausdruck aus der Bedeutung der vertonten Texte nährt, erschließt sich die Musik auch emotional in sehr unmittelbarer Weise – und dies ist mir besonders wichtig.

schottchor.com: Wie würden Sie den Schwierigkeitsgrad Ihrer Kompositionen bemessen?

R.W.: Prinzipiell erscheinen mir alle meine Kompositionen als »nicht schwer«, weil sie alle unter den Aspekten der Singbarkeit und der Klanglichkeit geschrieben sind. Das bedeutet: Jede Stimme für sich genommen ist eigentlich relativ schnell »als Melodie« zu begreifen und damit auch zu lernen – und trotz zahlreicher dissonierender Klänge ergibt sich ein Gesamtklang, der weder dem Chor noch den Hörerinnen und Hörern zu viel abverlangt.

Andererseits gibt es natürlich durchaus Problemstellungen, die nicht für jeden Chor alltäglich sind, z.B. die sog. »Emanzipation der Dissonanz«, also die Tatsache, dass dissonierende genauso wie konsonante Klänge, also als »Ruhe-Klänge« behandelt werden. Und dann finden sich in vielen Kompositionen aleatorische Passagen, die einerseits improvisatorische Freiräume ermöglichen, andererseits aber auch den Mut zum quasi solistischen Singen bei jeder Sängerin voraussetzen.

schottchor.com: Welches Konzept liegt diesen einkomponierten Improvisationsfreiräumen zugrunde?

R.W.: Da sind gleich mehrere Aspekte zu nennen: Primär gründen sie sich auf der Bedeutung des Textes. Nehmen wir als Beispiel das Agnus Dei der »Missa di Sant’Anna«, die Bitte um das Erbarmen Gottes, ausgedrückt in den lateinischen Worten »Miserere nobis« (Ende 2. Vers): Dort sollen die Kinder individuell und in ihrem eigenen Tempo singen. Dies ist für mich inhaltlicher Ausdruck dafür, dass der Einzelne sich persönlich zu dem Inhalt bekennt und dies nicht gewissermaßen neutralisiert tut, indem er fest in eine Stimmgruppe eingebunden ist.

Um ein anderes Beispiel zu nennen: Die Textpassage »Du unser Herr und unser Gott« des Liedes »Der Mond ist aufgegangen« soll jedes Mädchen einmal deklamieren, ganz individuell. Damit bekommt sie eine ganz andere Bedeutung und macht mit dem Menschen auch etwas ganz anderes – das ist der inhaltliche Aspekt.

Dann kommt ein pädagogischer Aspekt hinzu: Ich möchte versuchen, dass die Sängerinnen prinzipiell alle den Mut haben, nicht nur im Tutti zu singen, sondern auch alleine ihre Stimme zu führen. Man muss sich ja deutlich stärker positionieren, wenn man individuell singt. Das erfordert eine höhere Standfestigkeit, ein größeres Selbstbewusstsein. Dies, finde ich, hilft hinterher auch dem Singen in der Gruppe. Wenn die Kinder dies gewohnt sind, dann positionieren sie sich auch im Tutti anders, und letzten Endes hilft dieser Schritt bei der Entwicklung zu einer aufrecht gehenden Persönlichkeit. Und das ist fast das Wichtigste bei diesen einkomponierten Improvisationsfreiräumen.

schottchor.com: Und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

R.W.: Die Mädchen, mit denen ich arbeite, kommen auf jeden Fall als vollkommen verschiedene, oft als sehr unruhige und manchmal auch wenig selbstbewusste Personen in den Chor – sie haben eben nicht alle eine »gerade« Lebensgeschichte. Wenn sie den Chor verlassen, haben sie Selbstvertrauen gewonnen, und dies schafft man z.B. mit solchen musikalischen Mitteln. Und Improvisation hat noch einen weiteren Effekt: Für die Hörerinnen und Hörer ist das ein Moment, in dem man besonders hinhört. Denn man hört einmal etwas anderes.

schottchor.com: Bis zu diesen besonderen Erfolgserlebnissen ist es nun ja ein langer Weg mit so mancher (musikalischer) Widrigkeit. Provokant gefragt: Muss man als Dirigent von Laienensembles generell über eine besondere »Leidensfähigkeit« verfügen?

R.W.: Man kann dazu Leidensfähigkeit sagen, man kann es aber auch Geduld nennen – ich würde letzteres vorziehen. Es ist zweierlei nötig: Wenn man eine Gruppe wirklich weiterführen möchte, dann braucht man erstens das Wissen um ein Ziel – das ist die künstlerische Idee – und zweitens die Kenntnis verschiedener Methoden, aus denen sich ein Weg ergibt, wie man zu diesem Ziel gelangen kann … und last but not least braucht man: Geduld.

Ich bin keiner, der sagt: Für die banale Arbeit mit vierjährigen Mädchen bin ich mir zu schade, weil ich mich nur als den großen Künstler sehe. Es macht mir Freude, mit Kindern, die vollkommen unberührt von Musik zu mir kommen, so zu arbeiten, dass sie hinterher merken: Wir können das, es macht uns Spaß und es tut uns gut. Darum fechte ich mit Leidenschaft dafür, dass jeder Pädagoge auch ein ganz guter Musiker sein muss, denn wenn man kein Ziel hat, weiß man auch nicht, wohin man gehen will.

schottchor.com: Wie würden Sie Ihr Klangideal beschreiben?

R.W.: Ich liebe einen Klang, der den ganzen Menschen und den ganzen Körper mit einbezieht und deswegen ein sehr voller, warmer und – ich sage mal – »gebauchter« Klang ist: also kein flacher Klang, sondern einer, der »Tiefe« hat. Das versuche ich beim Mädchenchor zur Entfaltung zu bringen, und das hat schon etwas Singuläres. Ob das mit Knaben auch so funktioniert, vermag ich nicht zu sagen, aber vom Ansatz des Denkens über Stimme und des Umgangs mit Stimme her könnte man natürlich auch mit ihnen so arbeiten. Letzten Endes ist dies immer eine Frage der Balance zwischen Lockerheit und Druck auf der Kehle.

schottchor.com: Würden Sie für uns abschließend noch folgenden Satz vervollständigen: »Chormusik ist für mich …

… eine der spannendsten Formen von Musik überhaupt, weil sie Wort und Ton verbindet und mit der menschlichen Stimme »das unmittelbarste Instrument«, das es gibt, zum Einsatz bringt. Ohne Chormusik wäre mein Leben deutlich ärmer!

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