Schott Music

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21. August 2020

Heinrich Poos 1928–2020

Meister der polyphonen Chormusik – ein Nachruf

Am 19.08.2020 verstarb der Komponist Heinrich Poos im Alter von 91 Jahren. Der in Rheinland-Pfalz und Berlin lebende Komponist steht in der großen Tradition der polyphonen Chormusik eines Heinrich Isaak, Heinrich Schütz und Ernst Pepping und gehört zu den bedeutenden deutschen Chorkomponisten des 20. und 21. Jahrhunderts.

Poos wurde am 25.12.1928 im evangelischen Pfarrhaus von Seibersbach im Soonwald geboren. Hier legte die Haus- und Kirchenmusik zusammen mit dem protestantisch geprägten Umfeld schon früh den Grundstein für sein späteres Denken und Schaffen. Nach Abschluss des C-Examens in Oldenburg (1946) studierte Poos an der Berliner Kirchenmusikschule bei Ernst Pepping, Gottfried Grote und Herbert Schulze (kirchenmusikalisches Staatsexamen 1954) und komplettierte seine musikalische Ausbildung 1955 bis 1957 bei Erich Peter und Boris Blacher an der Hochschule für Musik Berlin. Von 1955 bis 1970 war er als Kantor und Organist in verschiedenen Berliner Gemeinden tätig. In diese Zeit fällt auch sein Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Theologie an der Freien Universität Berlin. Im Jahr 1964 promovierte Poos mit einer Arbeit über das Vokalwerk von Ernst Pepping zum Dr. phil. Nachdem er schon seit 1965 sowohl an der Technischen Universität Berlin als auch an der Hochschule für Musik als Lehrbeauftragter für Musiktheorie tätig gewesen war, wurde er 1971 Professor für Musiktheorie an der Hochschule der Künste Berlin. Nach seiner Emeritierung 1994 nahm er einen Lehrauftrag der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main an. Bis zuletzt war Poos als Musikwissenschaftler und Komponist tätig.

Poos war stets auf der „Suche nach neuer Musik, die mehr Musik als neu sein will“. Diese Suche sei „mühsam“, bekannte er in seinem Aufsatz „Beziehungszauber“. Dass er sich dieser Mühe immer wieder unterzog, trug in Form eines umfangreichen Œuvres vor allem im Bereich der Vokalmusik reiche Früchte. Sein Hauptwerk ist im Verlag Schott Music erschienen. Es zeichnet sich durch meisterhafte Polyphonie, kühne Klanglichkeit und eine intellektuelle musikalische Ausdeutung der Texte aus. Seine besondere Liebe galt neben Bertolt Brecht, den er noch persönlich kennengelernt hatte, den Schriftstellern der griechischen Antike. Seine Chorwerke erschließen mit ihrer subtilen Textausdeutung bedeutende literarische Vorlagen der klassischen Tradition für den Musiker und Hörer der Gegenwart. Zu seinen bedeutenden Werken gehören die Chorzyklen „Pax et Bonum“ (1981), „Hypostasis“ (Jakobs Traum, 1992), „Epistolae“ (1999) „Zeichen am Weg“ (1999), die Orpheus-Fantasien (2001) und der Brecht-Zyklus „Was hast du gesehen, Wanderer?“ (2006).

Das kompositorische und wissenschaftlich-literarische Werk von Poos hat national und international große Anerkennung gefunden, die sich unter anderem in der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes (1987), der Verleihung des Kompositionspreises der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Chorverbände (1991), der Peter-Cornelius-Plakette des Landes Rheinland-Pfalz (1999) sowie der Geschwister-Mendelssohn-Medaille (2013) ausdrückt. Mit ihm hat uns ein faszinierender Künstler verlassen, der sich selbst als Handwerker und als Kämpfer für die Musik verstand und in jedem Verlagsgespräch betonte, wie gerne er seinen Beruf ausübe. Auf die Frage „Herr Poos, wie geht es Ihnen?“ antwortete er stets: „Ich habe zu arbeiten.“

Der Schott-Verlag durfte Poos über sechs Jahrzehnte lang begleiten und ist dankbar für die kreative, fruchtbare und stets vertrauensvolle Zusammenarbeit. In dem großen und überaus reichen Repertoire der europäischen Chormusik haben seine Werke ihren Platz gefunden und werden weiterklingen – über den Tag hinaus.