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Oscar  Bettison

Geboren: 19. September 1975
Einer gewissen Absurdität entbehrt auch die Geschichte nicht, die hinter Oscar Bettisons 2012 entstandener Komposition Livre des Sauvages steht. 1860 glaubte der französische Missionar Abbé Emmanuel Domenech, eine ethnologische Sensation an die Öffentlichkeit gebracht zu haben: In seinem Essay Manuscrit pictographique américain präsentierte er ein aus 228 Seiten bestehendes Manuskript (Le Livre des Sauvages), dessen Urheberschaft er einem kanadischen Indianerstamm zuschrieb. Die unzähligen Zeichnungen, Piktogramme und Symbole interpretierte Domenech erfindungsreich als Dokumentation alltäglicher, kriegerischer und kultischer Handlungen, als Naturbeschreibungen, letztlich gar als figurative Wiedergabe des Schöpfungsmythos’ jenes Stammes.

Dass neben den Zeichnungen im Manuskript auch immer wieder Schriftzeichen auftauchen, die unschwer als deutsche Kurrentschrift erkennbar sind und zum einen etwa Namen wie Anna, Maria oder Johannes, zum anderen eher profane Worte wie Honig oder Wurst notieren, ließ der Abbé in seiner Analyse dagegen geflissentlich außen vor. Der Dresdner Philologe Julius Petzholdt verfasste daraufhin eine Replik auf Domenechs Essay, in der er eine alternative Deutung anbot. Seiner Ansicht nach sei das rätselhafte Manuskript nichts anderes „als das Schmierbuch eines deutsch-amerikanischen Hinterwäldler-Jungen, der in der Kinderwelt eigenthümlichen naturwüchsigen Weise seine Anschauungen und Ideen durch Schrift und Bild dargestellt hat“.

Dem verblendeten Abbé riet Petzholdt, „dass er den unglücklichen Versuch, dem Hinterwäldler- Schmierbuche den Stempel eines Manuscrit pictographique américain aufzudrücken, in bescheidener Zurückgezogenheit ganz und gar aufgebe“. Was Domenech – nach einer missglückten Verteidigungsschrift – dann auch getan hat. In seinem Stück Livre des Sauvages verwendet Oscar Bettison den historischen „Hoax“ um das Buch der Wilden als „verstecktes Narrativ“: „Ich habe“, sagt er, „das Buch sofort ins Herz geschlossen und erkannt, dass es einen geeigneten visuellen Kontrapunkt zu den Ideen darstellt, die ich für dieses Stück hatte. Daher entschied ich, drei Piktogramme auszuwählen, sie zu beschreiben und als Titel für die drei Sätze meiner Komposition zu verwenden.“

Mit den Titeln verweist Bettison auf die Ambivalenz, die den Begebenheiten um das Buch der Wilden eingeschrieben ist: auf die Frage nach der Vieldeutigkeit von Bildern, nach der Demarkation zwischen Sein und Schein. Analog dazu wird in Livre des Sauvages die Klangproduktion immer wieder zum Gegenstand der Verunklarung. Fast alle Spieler haben neben ihren Stamminstrumenten eine Reihe anderer Klang- und Geräuscherzeuger zu bedienen: eine Sopran-Blockflöte, Stimmgabeln, ein Viertelton-Keyboard, ein Spielzeugklavier sowie diverse Melodicas. Dazu kommt ein umfangreiches Arsenal an Perkussionsgeräten: ein aus handelsüblichen Schraubenschlüsseln bestehendes „Wrenchophon“, ein Muschelhorn, ein Orchesterhammer und eine Tischklingel. Das Klavier wird schließlich mit Münzen präpariert, um ihm „einen gongähnlichen und etwas verstimmten Klang“ zu geben.
An einigen Stellen weist Bettison zudem die Blechbläser an, bei bestimmten Klängen nicht zu versuchen, ungenaue Intonationen zu korrigieren. Es sind diese „Unstimmigkeiten“, die vermeintlichen (oder tatsächlichen) Fehler im System, die Oscar Bettison beim Komponieren reizen. Insoweit widmet er kreativ um, was Julius Petzholdt dem Abbé Domenech einst zum Vorwurf machte: dass er, statt mit skeptischer Akribie zu Werke zu gehen, sich mit überbordender Phantasie das Unstimmige zu eigen gemacht hatte.

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  1. Fall

    Fall

    Edition Musikfabrik
    Ausgabe : CD
    Bestell-Nr. : WER 68692
    18,50 €  *

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Profil
Einer gewissen Absurdität entbehrt auch die Geschichte nicht, die hinter Oscar Bettisons 2012 entstandener Komposition Livre des Sauvages steht. 1860 glaubte der französische Missionar Abbé Emmanuel Domenech, eine ethnologische Sensation an die Öffentlichkeit gebracht zu haben: In seinem Essay Manuscrit pictographique américain präsentierte er ein aus 228 Seiten bestehendes Manuskript (Le Livre des Sauvages), dessen Urheberschaft er einem kanadischen Indianerstamm zuschrieb. Die unzähligen Zeichnungen, Piktogramme und Symbole interpretierte Domenech erfindungsreich als Dokumentation alltäglicher, kriegerischer und kultischer Handlungen, als Naturbeschreibungen, letztlich gar als figurative Wiedergabe des Schöpfungsmythos’ jenes Stammes.

Dass neben den Zeichnungen im Manuskript auch immer wieder Schriftzeichen auftauchen, die unschwer als deutsche Kurrentschrift erkennbar sind und zum einen etwa Namen wie Anna, Maria oder Johannes, zum anderen eher profane Worte wie Honig oder Wurst notieren, ließ der Abbé in seiner Analyse dagegen geflissentlich außen vor. Der Dresdner Philologe Julius Petzholdt verfasste daraufhin eine Replik auf Domenechs Essay, in der er eine alternative Deutung anbot. Seiner Ansicht nach sei das rätselhafte Manuskript nichts anderes „als das Schmierbuch eines deutsch-amerikanischen Hinterwäldler-Jungen, der in der Kinderwelt eigenthümlichen naturwüchsigen Weise seine Anschauungen und Ideen durch Schrift und Bild dargestellt hat“.

Dem verblendeten Abbé riet Petzholdt, „dass er den unglücklichen Versuch, dem Hinterwäldler- Schmierbuche den Stempel eines Manuscrit pictographique américain aufzudrücken, in bescheidener Zurückgezogenheit ganz und gar aufgebe“. Was Domenech – nach einer missglückten Verteidigungsschrift – dann auch getan hat. In seinem Stück Livre des Sauvages verwendet Oscar Bettison den historischen „Hoax“ um das Buch der Wilden als „verstecktes Narrativ“: „Ich habe“, sagt er, „das Buch sofort ins Herz geschlossen und erkannt, dass es einen geeigneten visuellen Kontrapunkt zu den Ideen darstellt, die ich für dieses Stück hatte. Daher entschied ich, drei Piktogramme auszuwählen, sie zu beschreiben und als Titel für die drei Sätze meiner Komposition zu verwenden.“

Mit den Titeln verweist Bettison auf die Ambivalenz, die den Begebenheiten um das Buch der Wilden eingeschrieben ist: auf die Frage nach der Vieldeutigkeit von Bildern, nach der Demarkation zwischen Sein und Schein. Analog dazu wird in Livre des Sauvages die Klangproduktion immer wieder zum Gegenstand der Verunklarung. Fast alle Spieler haben neben ihren Stamminstrumenten eine Reihe anderer Klang- und Geräuscherzeuger zu bedienen: eine Sopran-Blockflöte, Stimmgabeln, ein Viertelton-Keyboard, ein Spielzeugklavier sowie diverse Melodicas. Dazu kommt ein umfangreiches Arsenal an Perkussionsgeräten: ein aus handelsüblichen Schraubenschlüsseln bestehendes „Wrenchophon“, ein Muschelhorn, ein Orchesterhammer und eine Tischklingel. Das Klavier wird schließlich mit Münzen präpariert, um ihm „einen gongähnlichen und etwas verstimmten Klang“ zu geben.
An einigen Stellen weist Bettison zudem die Blechbläser an, bei bestimmten Klängen nicht zu versuchen, ungenaue Intonationen zu korrigieren. Es sind diese „Unstimmigkeiten“, die vermeintlichen (oder tatsächlichen) Fehler im System, die Oscar Bettison beim Komponieren reizen. Insoweit widmet er kreativ um, was Julius Petzholdt dem Abbé Domenech einst zum Vorwurf machte: dass er, statt mit skeptischer Akribie zu Werke zu gehen, sich mit überbordender Phantasie das Unstimmige zu eigen gemacht hatte.
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    Edition Musikfabrik
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