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Michel Godard & Gavino Murgia - Deep

Michel Godard & Gavino Murgia - Deep


Michel Godard: tuba, serpent / Gavino Murgia: voice, soprano saxophone / Walter Quintus: sound


  • Ausgabe: CD
  • Erscheinungsjahr: 2007
  • Bestell-Nr.: INT 34152
14,99 €  *
inkl. Mwst. und zzgl. Versandkosten Gewicht: 0.07 kg

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Beschreibung

Monsieur Tuba, der Jazz und die sengende Hitze Sardiniens

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Der Jazz hat viele Väter. Sicher steht seine Wiege in New Orleans und der Anteil des schwarzen Amerika am Jazz ist immer noch dominant. Doch beurteilt man Jazz nicht nach der Masse der Veröffentlichungen, sondern nach der Frequenz des kreativen Impulses, so gewinnen europäische Quellen doch immer mehr an Einfluss. Der französische Tubist Michel Godard gehört seit Jahrzehnten zu den Protagonisten einer europäischen Jazz-Ästhetik. Er ist der Monsieur Tuba schlechthin. Der sensible Tieftöner suchte seine Anstöße von jeher eher in der mediterranen Folklore und im Spannungsfeld von Mittelalter bis Renaissance als am Mississippi Delta. Mit dem sardischen Sänger und Saxofonisten Gavino Murgia vertieft er diese Perspektive nun.

Michel Godard ist in erster Linie als Musiker bekannt, der dem schwerfälligen Blechmonstrum der Tuba tänzerische Leichtigkeit verleiht. Doch auf „Deep“ setzt er die Tuba nur als Zweitinstrument ein. Sein Hauptinstrument ist das Serpent. Das Serpent ist ein historisches Holzinstrument, dessen Name bereits auf seine schlangenartige Form verweist. In der Renaissance-Musik war es für die Bässe zuständig und kann somit getrost als Vorgänger der Tuba bezeichnet werden. Zuletzt wurde das gewundene Rohr in französischen Militärkapellen des 19. Jahrhunderts eingesetzt. In den Achtzigern erfreute sich das Renaissance-Instrument angesichts eines Booms alter Musik selbst einer Renaissance. Michel Godard entdeckte es für den Jazz und führte es somit in einen völlig neuen Kontext ein.

Für Godard war es nur folgerichtig, im Dialog mit den archaischen Gesängen Murgias in erster Linie auf das Serpent zurückzugreifen. „Ich spiele seit vielen Jahren Serpent und interpretiere in jedem Konzert mindestens zwei Stücke auf dem Instrument, denn es ist der Vorläufer der Tuba“, erklärt er. „Es ist ein relativ einfaches Instrument mit Qualitäten, die moderne Instrumente nicht haben. Für mich persönlich sind seine Klänge einfach eine wunderbare Ergänzung zum Sound der Tuba. Es gibt mir die Chance, eine direkte Verbindung zur Vergangenheit herzustellen. Das versuche ich zwar auch mit der Tuba, aber auf dem Serpent habe ich bereits den originalen Klang vergangener Jahrhunderte. Wenn man singt, hat man ja auch diese Verbindung, denn die menschliche Stimme als solche hat sich nicht verändert, und gesungen wurde zu allen Zeiten. Nicht umsonst beschäftigen sich heute viele Jazzmusiker mit mittelalterlichem Gesang, denn damals gab es schon ähnliche Phänomene wie heute im Jazz, nämlich dass die Instrumente die Stimmen imitierten und umgekehrt.“

Gavino Murgias Stimme besitzt einen guten Klang in der mediterranen Musik. Gemeinsam mit Godard hat er auch schon für Rabih Abou-Khalil gearbeitet. Sein schnarrender Bass erinnert an eine Maultrommel, eine tiefe Schalmei oder das Zirpen einer Zikade in der sengenden Hitze Sardiniens. So fordert er Godards Serpent geradezu zum vokal-instrumentalen Duell heraus. „Deep“ ist jedoch weit mehr als die Konversation zweier Musiker mit Affinität zum Klang des Südens. Es ist eine Reise in die Geschichte der abendländischen Musik von der Renaissance bis heute.

Ein anschaulicher Trip, der bei aller Archaik mit dem liebevoll gehegten Vorurteil aufräumt, Improvisation sei ursächlich mit der afroamerikanischen Musiktradition verknüpft. „Ich traf Gavino in Sardinien“, erinnert sich Godard. „Zunächst lernte ich ihn nur als traditionellen Musiker kennen. Durch ihn entdeckte ich überhaupt die sardische Folklore. Ich hatte sofort das Gefühl, dass es eine tiefe Verbindung zwischen traditioneller sardischer und alter französischer Musik gibt, mit der ich mich auf dem Serpent beschäftige. Wir beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu starten. Erst danach fand ich heraus, dass Gavino auch ein fantastischer Jazz-Saxofonist ist. Das ermöglichte uns einen umfassenden Mix all der Kulturen, die uns geprägt haben.“

Doch Godard und Murgia wollen den Jazz nicht als Morgengabe zu einer Art avantgardistischer Neofolklore missverstanden wissen. Auch wenn ihre Wurzeln tief in die europäische Tradition reichen, bezeichnen sie ihre Musik doch mit dem Brustton der Überzeugung als Jazz. „Der Begriff Jazz ist schon problematisch, da es keine zwei Menschen gibt, die sich darunter dasselbe vorstellen“, räumt Godard ein. „Ein traditioneller Jazzmusiker aus New York versteht etwas ganz anderes unter Jazz als wir, und er würde sicher vehement abstreiten, dass es zwischen ihm und uns irgendeine musikalische Verbindung gäbe. Dennoch sind wir auf diesen Begriff angewiesen, denn es gibt augenblicklich keinen besseren für die Musik, die wir spielen. Wir treten auf Jazz-Festivals auf und werden von Jazz-Liebhabern gehört. Insofern haben wir kein Problem mit der Kategorisierung Jazz. Ohnehin sind die Unterschiede zwischen den einzelnen musikalischen Richtungen gar nicht so groß, wie es vielleicht den Anschein hat. Es kommt darauf an, welche Bausteine jeder Musiker für sich selbst auswählt, um seine eigene Sprache daraus zu formulieren.“

Man kann sicher viele Benennungen für diese ungewöhnliche Musik finden. Doch von welcher Seite auch immer man sich diesen Dialogen annähert, ist ihnen doch eine ebenso exotische wie zur kreativen, sommerlichen Trägheit animierende Schönheit eigen. Und das, obwohl die Stücke ergreifend einfach sind. „Wir haben die Stücke zwar selbst geschrieben, aber Gavino war von der sardischen Folklore und ich von der alten Musik Frankreichs inspiriert. Da bot es sich an, bestimmte Stücke einfach nur mit Stimme und Serpent zu interpretieren. Wir hätten sie zweifellos auch für Piano und Saxofon umschreiben können, aber das wäre nicht mehr dasselbe gewesen. Manche Stücke verlangen nach größtmöglicher Einfachheit, um ihre Schönheit voll entfalten zu können. Die Qualität des Tons sagt viel über die Beschaffenheit des Stückes aus. Virtuosität half uns dabei überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil, wir mussten sie vergessen. Der Titel Deep bezieht sich darauf, dass wir so tief wie möglich zu den Wurzeln unserer Musik vordringen wollten.“

Aber Godard und Murgia geben sich nicht mit dem Abtauchen in die Vergangenheit zufrieden. Wenn Godard zur Tuba greift und Murgia zum Saxofon, dann schlagen sie Brücken aus der Geschichte in die Gegenwart. Ob das Album eine Reise in die Tradition mit Stippvisiten in der Gegenwart oder ein tiefer Blick vom Beckenrand der Neuzeit ins tiefe Dunkelblau der Vergangenheit ist, mag jeder Hörer selbst für sich entscheiden.

Details
Inhaltstext: Ambre
Adarre
Gorropu
Chloris
Deep
Pane Caiente
Abba Mama
choying
Intrighinu
Les Sorcières
Anninia
Spieldauer: 51'46"
UPC: 750447341524
Verlag: Intuition

Monsieur Tuba, der Jazz und die sengende Hitze Sardiniens

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Der Jazz hat viele Väter. Sicher steht seine Wiege in New Orleans und der Anteil des schwarzen Amerika am Jazz ist immer noch dominant. Doch beurteilt man Jazz nicht nach der Masse der Veröffentlichungen, sondern nach der Frequenz des kreativen Impulses, so gewinnen europäische Quellen doch immer mehr an Einfluss. Der französische Tubist Michel Godard gehört seit Jahrzehnten zu den Protagonisten einer europäischen Jazz-Ästhetik. Er ist der Monsieur Tuba schlechthin. Der sensible Tieftöner suchte seine Anstöße von jeher eher in der mediterranen Folklore und im Spannungsfeld von Mittelalter bis Renaissance als am Mississippi Delta. Mit dem sardischen Sänger und Saxofonisten Gavino Murgia vertieft er diese Perspektive nun.

Michel Godard ist in erster Linie als Musiker bekannt, der dem schwerfälligen Blechmonstrum der Tuba tänzerische Leichtigkeit verleiht. Doch auf „Deep“ setzt er die Tuba nur als Zweitinstrument ein. Sein Hauptinstrument ist das Serpent. Das Serpent ist ein historisches Holzinstrument, dessen Name bereits auf seine schlangenartige Form verweist. In der Renaissance-Musik war es für die Bässe zuständig und kann somit getrost als Vorgänger der Tuba bezeichnet werden. Zuletzt wurde das gewundene Rohr in französischen Militärkapellen des 19. Jahrhunderts eingesetzt. In den Achtzigern erfreute sich das Renaissance-Instrument angesichts eines Booms alter Musik selbst einer Renaissance. Michel Godard entdeckte es für den Jazz und führte es somit in einen völlig neuen Kontext ein.

Für Godard war es nur folgerichtig, im Dialog mit den archaischen Gesängen Murgias in erster Linie auf das Serpent zurückzugreifen. „Ich spiele seit vielen Jahren Serpent und interpretiere in jedem Konzert mindestens zwei Stücke auf dem Instrument, denn es ist der Vorläufer der Tuba“, erklärt er. „Es ist ein relativ einfaches Instrument mit Qualitäten, die moderne Instrumente nicht haben. Für mich persönlich sind seine Klänge einfach eine wunderbare Ergänzung zum Sound der Tuba. Es gibt mir die Chance, eine direkte Verbindung zur Vergangenheit herzustellen. Das versuche ich zwar auch mit der Tuba, aber auf dem Serpent habe ich bereits den originalen Klang vergangener Jahrhunderte. Wenn man singt, hat man ja auch diese Verbindung, denn die menschliche Stimme als solche hat sich nicht verändert, und gesungen wurde zu allen Zeiten. Nicht umsonst beschäftigen sich heute viele Jazzmusiker mit mittelalterlichem Gesang, denn damals gab es schon ähnliche Phänomene wie heute im Jazz, nämlich dass die Instrumente die Stimmen imitierten und umgekehrt.“

Gavino Murgias Stimme besitzt einen guten Klang in der mediterranen Musik. Gemeinsam mit Godard hat er auch schon für Rabih Abou-Khalil gearbeitet. Sein schnarrender Bass erinnert an eine Maultrommel, eine tiefe Schalmei oder das Zirpen einer Zikade in der sengenden Hitze Sardiniens. So fordert er Godards Serpent geradezu zum vokal-instrumentalen Duell heraus. „Deep“ ist jedoch weit mehr als die Konversation zweier Musiker mit Affinität zum Klang des Südens. Es ist eine Reise in die Geschichte der abendländischen Musik von der Renaissance bis heute.

Ein anschaulicher Trip, der bei aller Archaik mit dem liebevoll gehegten Vorurteil aufräumt, Improvisation sei ursächlich mit der afroamerikanischen Musiktradition verknüpft. „Ich traf Gavino in Sardinien“, erinnert sich Godard. „Zunächst lernte ich ihn nur als traditionellen Musiker kennen. Durch ihn entdeckte ich überhaupt die sardische Folklore. Ich hatte sofort das Gefühl, dass es eine tiefe Verbindung zwischen traditioneller sardischer und alter französischer Musik gibt, mit der ich mich auf dem Serpent beschäftige. Wir beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu starten. Erst danach fand ich heraus, dass Gavino auch ein fantastischer Jazz-Saxofonist ist. Das ermöglichte uns einen umfassenden Mix all der Kulturen, die uns geprägt haben.“

Doch Godard und Murgia wollen den Jazz nicht als Morgengabe zu einer Art avantgardistischer Neofolklore missverstanden wissen. Auch wenn ihre Wurzeln tief in die europäische Tradition reichen, bezeichnen sie ihre Musik doch mit dem Brustton der Überzeugung als Jazz. „Der Begriff Jazz ist schon problematisch, da es keine zwei Menschen gibt, die sich darunter dasselbe vorstellen“, räumt Godard ein. „Ein traditioneller Jazzmusiker aus New York versteht etwas ganz anderes unter Jazz als wir, und er würde sicher vehement abstreiten, dass es zwischen ihm und uns irgendeine musikalische Verbindung gäbe. Dennoch sind wir auf diesen Begriff angewiesen, denn es gibt augenblicklich keinen besseren für die Musik, die wir spielen. Wir treten auf Jazz-Festivals auf und werden von Jazz-Liebhabern gehört. Insofern haben wir kein Problem mit der Kategorisierung Jazz. Ohnehin sind die Unterschiede zwischen den einzelnen musikalischen Richtungen gar nicht so groß, wie es vielleicht den Anschein hat. Es kommt darauf an, welche Bausteine jeder Musiker für sich selbst auswählt, um seine eigene Sprache daraus zu formulieren.“

Man kann sicher viele Benennungen für diese ungewöhnliche Musik finden. Doch von welcher Seite auch immer man sich diesen Dialogen annähert, ist ihnen doch eine ebenso exotische wie zur kreativen, sommerlichen Trägheit animierende Schönheit eigen. Und das, obwohl die Stücke ergreifend einfach sind. „Wir haben die Stücke zwar selbst geschrieben, aber Gavino war von der sardischen Folklore und ich von der alten Musik Frankreichs inspiriert. Da bot es sich an, bestimmte Stücke einfach nur mit Stimme und Serpent zu interpretieren. Wir hätten sie zweifellos auch für Piano und Saxofon umschreiben können, aber das wäre nicht mehr dasselbe gewesen. Manche Stücke verlangen nach größtmöglicher Einfachheit, um ihre Schönheit voll entfalten zu können. Die Qualität des Tons sagt viel über die Beschaffenheit des Stückes aus. Virtuosität half uns dabei überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil, wir mussten sie vergessen. Der Titel Deep bezieht sich darauf, dass wir so tief wie möglich zu den Wurzeln unserer Musik vordringen wollten.“

Aber Godard und Murgia geben sich nicht mit dem Abtauchen in die Vergangenheit zufrieden. Wenn Godard zur Tuba greift und Murgia zum Saxofon, dann schlagen sie Brücken aus der Geschichte in die Gegenwart. Ob das Album eine Reise in die Tradition mit Stippvisiten in der Gegenwart oder ein tiefer Blick vom Beckenrand der Neuzeit ins tiefe Dunkelblau der Vergangenheit ist, mag jeder Hörer selbst für sich entscheiden.

Inhaltstext: Ambre
Adarre
Gorropu
Chloris
Deep
Pane Caiente
Abba Mama
choying
Intrighinu
Les Sorcières
Anninia
Spieldauer: 51'46"
UPC: 750447341524
Verlag: Intuition
Sonstige Ausgaben