Schott Music

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6. Juli 2020

Nikolai Kapustin 1937–2020

Jazz als Reifungsprozess. Ein Nachruf auf den Pianisten und Komponisten Nikolai Kapustin

Am 02.07.2020 verstarb der Komponist und Pianist Nikolai Kapustin im Alter von 82 Jahren in Moskau.

Nikolai Girschewitsch Kapustin wurde am 22. November 1937 in der ukrainischen Stadt Nikitowka, einem Vorort von Horliwka geboren. Bereits im Kindesalter führte ihn seine Mutter an das Klavierspiel heran; frühe Kompositionsversuche mündeten im Alter von 13 Jahren in eine erste Klaviersonate. 1952 reiste Kapustin mit seinem damaligen Klavierlehrer Piotr Vinnichenko nach Moskau, um die Aufnahmeprüfung für das Academic Music College abzulegen. Dort kam er in der Klasse von Awrelian Rubach. Anschließend, im August 1956, bestand er die Aufnahmeprüfung für das Moskauer Konservatorium, wo er bis zum Diplom 1961 Klavier bei Alexander Goldenweiser studierte. Komposition belegte Kapustin nie als Studienfach, sondern erarbeitete sich seine Fähigkeiten autodidaktisch.

Bereits im Music College begegnete Kapustin erstmals dem Jazz und erkannte darin seine natürliche Ausdrucksform. Am Moskauer Konservatorium gründete er 1957 ein Jazz-Quintett und wurde Mitglied einer Bigband. Nach dem Examen wechselte er in die Bigband von Oleg Lundstrem, einem Schüler von Duke Ellington und Louis Armstrong. Für dieses Ensemble komponierte er unter anderem sein Erstes Klavierkonzert op. 2, in dem er sein Instrument in den Mittelpunkt stellen konnte. 1972 wechselte er ins Orchester „Blauer Bildschirm“. Nach dessen Auflösung 1977 bekam er eine Stelle beim Staatlichen Symphonischen Filmorchester, das unter der Leitung von Georgy Garanyan, Yuri Serebryakov und Konstantin Krimetz stand. In diese Zeit fällt sein Zweites Klavierkonzert op. 16, auf dessen Erfolg hin er Mitglied im sowjetischen Komponistenverband wurde.

Tief drinnen brodelt es

Ab den 1980er Jahren widmete sich Kapustin hauptberuflich dem Komponieren, blieb aber weiterhin als Pianist tätig und spielte vornehmlich seine eigenen Werke für Sendungen in Radio und Fernsehen ein. Seine Musik zeichnete sich nun durch die Verbindung eigener Jazz-Elemente mit klassischen Formen wie der Sonate oder der Suite aus. Auffällig ist das Pulsierende, Virtuose und auf einer geradezu körperlichen Ebene Ansprechende seiner Musik. Typisch für seinen Stil ist die Suite in the Old Style op. 28 von 1977 mit ihren aufgefächerten Jazz-Improvisationen in barocker Satzstruktur nach dem Vorbild Bachscher Partiten. Das scheinbare Paradoxon eines auskomponierten Jazz in seinem Schaffen erklärte der äußerlich immer ruhig und bescheiden wirkende Kapustin so:

Ich war nie ein Jazzmusiker. Ich habe nie versucht, ein wahrer Jazzpianist zu sein, aber ich musste es sein, um des Komponierens willen. Ich interessiere mich nicht für Improvisation – und was wäre ein Jazzmusiker ohne Improvisation? Alle Improvisation meinerseits ist natürlich niedergeschrieben und sie ist dadurch viel besser geworden; es ließ sie reifen.

Zu seinem Œuvre zählen zahlreiche Klavierkompositionen, darunter eine Reihe von 20 Klaviersonaten und sechs Klavierkonzerte. Hinzu kommen Konzerte mit Soloinstrumenten wie Violine, Violoncello und Saxophon, Kompositionen für Big Band, Streich- und Blasorchester sowie Kammermusik für verschiedenste Besetzungen.

Vom Geheimtipp zum weltweiten Phänomen

Während Kapustins Musik vor dem Jahr 2000 außerhalb der ehemaligen Sowjetunion ein Geheimtipp unter Jazzspezialisten war, wurden seine Kompositionen im neuen Jahrtausend über das Internet in aller Welt bekannt und fanden durch ihren genreüberschreitenden Charakter besonders bei jüngeren Pianisten großen Anklang. Auch die vielfach ausgezeichneten CDs von Steven Osborne (2000) und Marc-André Hamelin (2004) mit Kapustins Werken trugen zur internationalem Bekanntheit des Komponisten bei. Heute finden seine Kompositionen immer mehr Eingang in die Recitals bedeutender Pianisten und erreichen nach und nach den Status von Klassikern des 20. und 21. Jahrhunderts.

Mit Nikolai Kapustin hat uns ein faszinierender Künstler verlassen, ein wahrer Individualist, dem im Alter eine unerwartete internationale Prominenz zu Teil wurde. Wir durften ihn eine leider nur kurze, aber intensive Zeit als Verleger begleiten und sind dankbar für die Jahre der kreativen, ja freundschaftlichen Zusammenarbeit.