© Christina Bleier
© Chris­tina Bleier

Musikalische Paradiesvogel-Scheiße

Eine Polemik mit erstaunten Zwischenfragen

von Rein­hard Goe­bel

Kennt­nisse, zu­mindest Ahnun­gen in Sachen Auf­füh­rungspraxis gehö­ren inzwi­schen zum guten Ton und das frü­her auf 1600 bis 1750 ein­ge­stellte Pen­del reicht inzwi­schen bis 1850 – mit einer Menge ernst­haf­ter Fra­gen und allzu berech­tig­ter Zwei­fel bezo­gen auf die Exper­ten­schaft jener, die den weni­ger expan­siv-erfin­dungs­rei­chen Musi­kern halt immer um ein ent­schei­den­des Jahr­zehnt vor­aus sein müs­sen.

Um es klar zu sagen: Die­je­ni­gen, die ges­tern noch “in Biber mach­ten”, heute Schu­mann und mor­gen Brahms “authen­tisch” auf­füh­ren, sind selbst­er­nannte und vom Feuil­le­ton nach-gekürte “Spe­zia­lis­ten” für ohne­hin und eh’ alles.

Wäh­rend “moderne” Orches­ter, Quar­tette und Solis­ten von der Arbeit mit erfah­re­nen Sti­lis­ten unge­heuer pro­fi­tie­ren, sam­melt sich in der Szene der Alten Musik inzwi­schen eine Menge schmal­spu­rig aus­ge­bil­de­tes Strei­cher-Per­so­nal, des­sen Hori­zont in der zwei­ten Lage endet, das aber jeden Ein­dring­ling mit rol­len­den Augen und “Total modern”-Buhrufen zu dis­kre­di­tie­ren ver­sucht. Was dem Teu­fel Kreuz und Weih­was­ser, das sind die­sen Kinn­hal­ter und Stütze – und man fragt sich rat­los, was der­ar­tig irre­ge­führte Musi­ker wohl in zwan­zig Jah­ren machen mögen. Denn unüber­hör­bar ist, dass modern aus­ge­bil­dete junge Strei­che­rin­nen und Strei­cher heute grund­sätz­lich mit Vibrato vor­sich­ti­ger umge­hen, als es in den Hoch­zei­ten des Kara­ja­nis­mus Mode-Regel war, und dass sie, wenn sie metho­disch kor­rekt ein­ge­führt wer­den, Vival­dis Opus 3 hin­rei­ßend viel bes­ser spie­len. Und begie­rig auf Neu­land à la Biber sind sie auch!

Das, was die Prot­ago­nis­ten der Alte-Musik-Szene mit ihren Ensem­bles ent­wi­ckelt haben, geht also mehr und mehr in die tra­di­tio­nel­len Klang­kör­per über – wie erfreu­lich! Wer­den die Spe­zial-Ensem­bles womög­lich auf Dauer über­flüs­sig?

Ja. Wenn sie sich nicht durch äußere und innere Qua­li­tä­ten neue Stan­dards set­zen, wird sie das Schick­sal der Mar­gi­na­li­sie­rung tref­fen. Lei­der gibt es in toto nur wenige Musi­ker, die die Sinn­haftigkeit oder Sinn­lo­sig­keit ihres Tuns stän­dig hin­ter­fra­gen. Viel zu viele ten­die­ren zum Wei­ter­du­deln…

Deu­tet man die Zei­chen der Zeit rich­tig, dann sind die Tage der schwä­che­ren “Spe­zia­lis­ten” bald gezählt. Aber wo sind die stär­ke­ren, wo sind sta­bile junge Ensem­bles, die durch Kon­ti­nui­tät und Qua­li­tät ihrer Arbeit glän­zen? Ich kenne nur das fran­zö­si­sche Ensem­ble Dide­rot, geführt von dem in Lon­don höchst modern aus­ge­bil­de­ten Gei­ger Johan­nes Pramsoh­ler.

Auch in der Gei­ger-Gene­ra­tion, die dem his­to­risch ori­en­tier­ten Musi­zie­ren zu Aner­ken­nung, Erfolg und beru­hi­gen­der Nor­ma­li­tät ver­half, war die klas­sisch ori­en­tierte Aus­bil­dung mit Kreut­zer, Rode und Dont die Grund­lage. Die Spe­zia­li­sie­rung, bei Stu­di­en­be­ginn schlicht undenk­bar, erfolgte im Lauf des Stu­di­ums, wel­ches aber meist her­kömm­lich abge­schlos­sen wurde.

Alle füh­ren­den Gei­ge­rin­nen und Gei­ger kamen und kom­men vom moder­nen Instru­ment, ganz offen­bar ohne Scha­den genom­men zu haben, und arbei­te­ten meist jah­re­lang “zwei­glei­sig”. Den­noch erlau­ben sie heute als Aus­bil­der 18-Jäh­ri­gen das Aus­blen­den von 200 Jah­ren hin­rei­ßen­der Vio­lin­mu­sik und das Her­um­sto­chern in “musi­ka­li­scher Para­dies­vo­gel-Scheiße” von Mealli und Matt­eis. Das ver­meint­li­che Erler­nen der Technik(en) “am Stück”, die nahezu strikte Ableh­nung jeg­lichen Etü­den-Werks jün­ge­ren Datums, aber auch die Igno­ranz der Lehr­me­tho­den Giu­seppe Tar­ti­nis oder Fran­cesco Gemi­nia­nis pro­du­ziert ein Heer von chan­cen­lo­sen “Barock”-GeigerInnen, die sich vor­nehm­lich mit zwei skor­dier­ten Biber-Sona­ten (IV und X aus den “Mys­te­rien-Sona­ten”) und zwei Cas­tello-Sona­ten hören las­sen. Bei einem gro­ßen inter­na­tio­na­len Wett­be­werb im Jahr 2014 mit Zulas­sung sowohl von “His­to­ri­kern” als auch moder­nen Gei­gern waren von der ers­ten Gruppe über­wie­gend desas­tröse Leis­tun­gen zu hören und für die meis­ten von ihnen war in der zwei­ten Runde Schluss.

Ist es dem­nach grund­sätz­lich rich­tig, mit einer tra­di­tio­nel­len Aus­bil­dung zu begin­nen und sie im Sinne der Ent­wick­lung der Vir­tuo­si­tät so weit wie mög­lich zu trei­ben? Ohne Angst, dass die tra­di­tio­nelle Aus­bil­dung zu einer Défor­ma­tion pro­fes­sio­nelle führt, die den Zugang zu Spiel­wei­sen der Alten Musik erschwert?

Ich halte die tra­di­tio­nelle Aus­bil­dung für rich­tig, vor allem aber für zeit­ge­mäß und der umfas­sen­den Bil­dung wegen für erfor­der­lich. Worin soll­ten die beson­de­ren “Spiel­wei­sen der Alten Musik” bestehen? Gei­ge­spie­len besteht aus Fin­ger­fall, bar­rie­re­freiem Strich mög­lichst recht­wink­lig über die Sai­ten und Koor­di­na­tion. Ich kenne keine baro­cken Son­der­be­we­gun­gen! Vom “historischen“Beginn rate ich drin­gend ab, denn die His­to­rie lie­fert kei­nen Sevcík.

Die hab­i­tu­elle Ver­wei­ge­rung der Qua­li­täts­frage durch die “Spezialisten“bezieht sich auch aufs Reper­toire. Peu à peu wur­den frü­her als Reper­toire gehan­delte Kom­po­si­tio­nen aus dem moder­nen gei­ge­ri­schen Kanon gestri­chen, ohne dass sich die Barock-Spe­zia­lis­ten nun die­ser Werke annäh­men. Hän­dels D-Dur-Sonate HWV 371 ist hier ebenso zu nen­nen wie die Vitali-Cha­conne, Le Tom­beau von Jean-Marie Leclair oder die Sonata D-Dur von Pie­tro Nar­dini. Das Aus­wei­chen auf bizar­res Nischen-Reper­toire, wo es ver­meint­lich nicht so auf­fällt, wenn Zwei­und­drei­ßigs­tel wie Sech­zehn­tel und Halbe wie Vier­tel gespielt wer­den, lässt die Qua­li­täts­frage des gei­ge­ri­schen Hand­werks erst gar nicht auf­kom­men: Gefühlte 95 Pro­zent vor allem der jün­ge­ren Spe­zia­lis­tin­nen und Spe­zia­lis­ten sind mit den genann­ten Stan­dard-Wer­ken hoff­nungs­los über­­fordert.

Ein klas­sisch ori­en­tier­tes Strei­cher-Stu­dium hin­ter­lässt kei­ner­lei Defor­ma­tio­nen, keine irrepa­ra­blen Schä­den und ver­un­mög­licht auch nicht die Spe­zia­li­sie­rung nach dem Mas­ter-Stu­dium. Weder in der Behand­lung der Vio­line zwi­schen 1600 und 1800 noch in der des Vio­lon­cello gibt es irgend­wel­che exklu­sive Spiel­wei­sen und Tech­ni­ken, die man je frü­her desto bes­ser lernt. Das Spiel auf Streichinst­rumenten bestand und besteht, seit die Instru­mente um 1550 in Cre­mona “erfun­den” wur­den, aus links Fin­ger­fall und Fin­ger­he­bung, rechts dem recht­wink­li­gen Zie­hen des Bogens sowie der Koor­di­na­ti­ons­auf­gabe. Es gibt keine baro­cken Son­der­be­we­gun­gen beim Violin­spiel, kein ver­brä­mend’ Blend­werk bzw. opti­sches Zier­rat, wie sie “die Szene” inzwi­schen in einer Menge von fach­li­che Dis­tink­tion beschwö­ren­den Ersatz­be­we­gun­gen ent­wi­ckelt hat. Barock, galant, klas­sisch und roman­tisch sind sti­lis­ti­sche Pri­mär-Kri­te­rien der Kom­po­si­ti­ons­weise, nicht aber einer vio­li­nis­ti­schen Auf­füh­rungs­pra­xis.

Das grund­sätz­li­che Unbe­ha­gen an jeg­li­cher Kri­tik und der ent­schie­den selbst­re­fe­ren­zi­elle Cha­rak­ter der meis­ten Dar­bie­tun­gen der Szene sowie drei­ßig Jahre, die vor­bei­gin­gen, ohne die not­wen­dige Zunahme an künst­le­ri­scher und tech­ni­scher Qua­li­tät zu lie­fern, las­sen die auf­kom­mende junge Gene­ra­tion der Nicht-mehr-nur-Spe­zia­lis­ten als große Hoff­nungs­trä­ger erschei­nen. Mit ihnen an einer äuße­ren und inne­ren Rund­erneue­rung der his­to­ri­schen Auf­füh­rungs­pra­xis zu arbei­ten: mein höchs­tes Anlie­gen und täg­li­ches Ver­gnü­gen!

Rein­hard Goe­bel ist Vio­li­nist, Diri­gent und Pro­fes­sor für his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis am Mozar­teum Salz­burg. 1973 grün­dete er das Ensem­ble Musica Anti­qua Köln und löste es im Jahr 2005 auf.

 

Den voll­stän­di­gen Arti­kel kön­nen Sie lesen in üben & musi­zie­ren 4/2016.

üben & musizieren 2016/04 üben & musi­zie­ren 2016/04
9,50 €

 

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