Schott Music

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16. Juli 2018

Werk der Woche – Dieter Schnebel: Utopien

Das musikalische Kammertheater Utopien von Dieter Schnebel wird am 17. Juli 2018 in Schwäbisch Gmünd aufgeführt. Für die Inszenierung ist Matthias Rebstock verantwortlich, Bühnenbild und Kostüme stammen von Sabine Hilscher. Die sechs Partien sind dabei prominent besetzt: Die neuen Vocalsolisten Stuttgart, bestehend aus Sarah Maria Sun, Susanne Leitz-Lorey (Sopran), Truike van der Poel (Mezzosopran), Martin Nagy (Tenor), Guillermo Anzorena (Bariton) und Andreas Fischer (Bass).

Schnebel bestimmte die Musikgeschichte über Jahrzehnte hinweg mit: Als Komponist, Pädagoge und  Theoretiker. Seine Überlegungen setzten bei der Emanzipation der Stimme an. Im Zuge dessen bezog Schnebel vielfältige Äußerungsformen der menschlichen Stimme in seine Werke mit ein und befreite sie von Konventionen des Kunstgesangs. Zusätzlich spielt die Gestik der Interpreten eine große Rolle: Musiker bewegen sich im Raum des Theaters und überschreiten die frontale Konzertsituation, die Grenzen zwischen Musik und Theater werden zunehmend aufgehoben. Utopien ist das letzte Musiktheaterwerk des im Mai 2018 verstorbenen Schnebel, der es als „opus summum“ bezeichnete.  Es wurde am 17. Mai 2014 innerhalb der 14. Münchener Biennale uraufgeführt. Zusammen mit dem Dramaturgen Roland Quitt erarbeitete Schnebel das Konzept der Trias Glaube, Hoffnung, Liebe, mit ihren negativen Gegensätzen Unglaube und Hoffnungslosigkeit, während die Liebe in sich eine ambivalente Rolle einnimmt.

Dieter Schnebel – Utopien: Die Körperlichkeit der Musik

Utopien ist in 5 Haupteile, die „Gänge“ I-V, gegliedert. Darin werden verschiedene Utopien  „ergangen“: Zuerst die des Glaubens, danach die des Zweifel, als drittes die der absoluten Resignation, gefolgt von der Hoffnung und schließlich die Utopie der Liebe. Mit „Gängen“ sind Wege der Protagonisten als Gruppe, aber auch von Einzelnen gemeint. Sie bewegen sich im Spannungsverhältnis von Individuum und Kollektiv. Im Sinne der Körperlichkeit von Musik bleibt es jedoch nicht beim einfachen Gehen. Zusätzlich wird gehüpft, gerannt, gerobbt, aber auch qualvoll gekrochen. Neben dem Humor, mit dem Schnebel die verschiedenen Bewegungsarten einsetzt, dienen sie auch dem Versuch einer Befreiung von einem depressiven Status Quo. In die fünf Teile sind vier Zwischenstücke eingefügt, in denen die „Gänge“ reflektiert und kommentiert werden. Dazu verwenden Schnebel und Quitt Elemente aus Texten unter anderem von René Descartes, Sebastian Brant und Thomas Morus. Die Musik bedient sich stilistisch von archaischen über romantische bis hin zu avantgardistisch experimentellen Klängen.

„Bei all ihrer humorvollen Leichtigkeit bleiben Schnebels Utopien geradezu bekenntnishaft geprägt. Vieles in ihnen, wenn man diesen Blick sucht, erklärt sich vor dem Lebensweg einer Person, die als Achtundsechziger wie gleichzeitig als engagierter Christ nicht erst heute quer zu ihrer Zeit steht, quer stand zu Achtundsechzig, quer immer auch zu ihrer Kirche.“ – Roland Quitt, im Programmheft der Uraufführung vom 17. Mai 2014

Utopien wird zusätzlich am 19. Juli 2018 in der Stuttgarter Hospitalkirche in derselben Besetzung  zu hören sein. Dort wird das Musiktheaterwerk innerhalb der Veranstaltungen des „Sommer in Stuttgart“ aufgeführt.

 

©Foto: Adrienne Meister