Werk der Woche — György Ligeti: Ramifications

19. September 2016 01_Banner_WDW_!_Vorlage

Am 22. Sep­tem­ber wird György Lige­tis Rami­fi­ca­ti­ons vom Nor­we­gian Cham­ber Orches­tra unter der Lei­tung von Per Kris­tian Skal­stad in Oslo zu hören sein. Auch drei Tage spä­ter kommt es zu einer Auf­füh­rung des Streich­or­ches­ter-Werks: Pas­cal Gal­lois diri­giert das Orches­ter der Musi­ca­les de Qui­be­ron im Palais des con­grès Loui­son Bobet im fran­zö­si­schen Qui­be­ron.

Der 1923 als Sohn unga­risch-jüdi­scher Eltern gebo­rene Ligeti kom­po­nierte Anfang der 1960er Jahre Musik mit dich­ten, fast star­ren klang­li­chen Struk­tu­ren, wie etwa in sei­nem Orches­ter­stück Atmo­s­phè­res aus dem Jahr 1961. Diese Struk­tu­ren locker­ten sich spä­ter immer mehr auf und wur­den beweg­li­cher. Rami­fi­ca­ti­ons stellt kom­po­si­to­risch eine Wei­ter­ent­wick­lung sei­ner Arbeits­weise mit kom­ple­xen musi­ka­li­schen Netz­ge­bil­den dar.

György Ligetis Ramifications – Von „dicht und statisch“ zu „durchbrochen und beweglich“

Obwohl es auch in Rami­fi­ca­ti­ons sta­ti­sche Klang­fel­der gibt, domi­nie­ren die fein­ma­schi­gen Netz­ge­bilde in der Kom­po­si­tion. Der Titel, auf Deutsch „Ver­äs­te­lun­gen“, bezieht sich auf die poly­phone Tech­nik der Stimm­füh­rung: Die Ein­zel­stim­men bewe­gen sich unter­schied­lich, bil­den jedoch Bün­del, die sich all­mäh­lich auf­lö­sen. Ein­zelne Momente, in denen die Stim­men wie­der zusam­men­lau­fen, bewir­ken das Wech­sel­spiel aus Ver­ei­ni­gung und Ver­äs­te­lung in der Musik. Neu für Ligeti ist die hyper­ch­ro­ma­ti­sche Har­mo­nie: Auf­füh­rungs­tech­nisch wird dies ermög­licht, indem die Hälfte der Strei­cher um einen Vier­tel­ton hin­auf­ge­stimmt wird. Die resul­tie­rende Musik ist jedoch nicht vier­tel­tö­nig, denn beim Grei­fen der Sai­ten ent­steht eine Schwan­kung der Ton­hö­hen, sodass man fast nie exakte Vier­tel­ton­ab­stände, son­dern klei­nere oder grö­ßere mikro­to­nale Abwei­chun­gen hört.

Rami­fi­ca­ti­ons sind gleich­sam ein End­punkt in der Ent­wick­lung von ‚dicht und sta­tisch‘ zu ‚durch­bro­chen und beweg­lich‘. Beson­ders in den Gegen­den, in denen das musi­ka­li­sche Gewebe durch­sich­tig und eng­ma­schig ist, erscheint eine ganz neue Art von ‚unsi­che­rer‘ Har­mo­nik, als ob die Har­mo­nien der gleich­mä­ßi­gen Tem­pe­ra­tur oder gar der Dia­to­nik ‚ver­dor­ben‘ wären. Die Har­mo­nien haben einen ‚haut goût‘, Ver­we­sung ist in die Musik ein­ge­zo­gen. Rami­fi­ca­ti­ons sind ein Bei­spiel deka­den­ter Kunst. – György Ligeti

Auch in Deutsch­land hat man in die­ser Woche die Gele­gen­heit, die Musik Lige­tis zu erle­ben: Seine Étu­des pour piano wer­den am 19. Sep­tem­ber im Rah­men des Beet­ho­ven­fests Bonn von dem Pia­nis­ten Boris Bere­zow­sky gespielt. Am glei­chen Tag und auch am Tag dar­auf führt das Baye­ri­sche Staats­or­ches­ter unter der Lei­tung von Kirill Petrenko Lon­tano für gro­ßes Orches­ter im Natio­nal­thea­ter in Mün­chen auf. Mys­te­ries of the Mac­abre für Kolo­ra­turso­pran und Kam­mer­or­ches­ter wird gleich drei Mal gespielt: Am 20. Sep­tem­ber sind das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter Gie­ßen unter der Lei­tung von Michael Hof­stet­ter und die Sopra­nis­tin Marie Frie­de­rike Schö­der zu hören. Die Düs­sel­dor­fer Sym­pho­ni­ker, diri­giert von Alex­andre Bloch, füh­ren das Stück am 23. und 25. Sep­tem­ber gemein­sam mit Eir Inder­haug in der Ton­halle in Düs­sel­dorf auf.

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