Schott Music

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4. Juni 2018

Werk der Woche – Modest Mussorgskij: Boris Godunov

Russland trifft auf Frankreich, oder anders: Modest Mussorgskij auf die Opéra Bastille in Paris. Denn dort feiert seine Oper Boris Godunov in der Erstfassung am 7. Juni 2018 Premiere. Am Pult steht Vladimir Jurowski, Ildar Abdrazakov wird an diesem Abend als Titelheld auftreten. Die Inszenierung übernimmt Ivo Van Hove, das Bühnenbild stammt von Jan Versweyveld und die Kostüme von An D’Huys.

1869 schrieb Mussorgksij die erste, später „Ur-Boris“ genannte Fassung basierend auf der „dramatischen Chronik“ von Alexander Puschkin. Als er diese beim Musiktheaterkomitee der Kaiserlichen Theater einreichte, stieß er jedoch auf völlige Ablehnung. Das Komitee bemängelte vor allem das Fehlen einer repräsentativen Frauenrolle. Drei Jahre lang bearbeitete und erweiterte Mussorgskij das Werk substantiell. Doch auch der daraus entstandene „Original-Boris“ scheiterte bei der Uraufführung 1874 in St. Petersburg und wurde 1882 aus staatspolitischen Erwägungen von der Zensurbehörde abgesetzt. Weitere mehrfache Bearbeitungen von Mussorgskij selbst, später auch Neuorchestrierungen von Nikolaj Rimskij-Korsakow und zuletzt von Dmitrij Schostakowitsch trugen lange dazu bei, den Blick auf die ursprüngliche dramaturgische und musikalische Gestalt von Boris Godunov zu verstellen. Erst die kritische Werkausgabe von Pawel Lamm von 1928, auf der die Schott-Ausgabe beruht, ermöglichte es, die Oper über die historische Figur des Boris Godunov (1552–1605) in der von allen späteren Ergänzungen befreiten Form so zu spielen, wie es den ursprünglichen Intentionen des Komponisten entsprach.

Modest Mussorgskij – Boris Godunov: ein musikalisches Volksdrama

Boris Godunov hat den Thronfolger Dmitrij ermorden lassen und herrscht nun selbst über das russische Reich. Es sind unruhige Zeiten, Jahre vergehen, doch trotz seiner ehrlichen Anstrengungen, die Lage des hungernden Volkes zu verbessern, liebt es ihn nicht. Zudem quälen ihn Gewissensbisse, was seine Gegner auszunutzen wissen: Psychisch unter Druck gesetzt wird er wahnsinnig – am Ende wartet nur der Tod auf ihn. Die eigentliche Hauptrolle in Boris Godunov  übernimmt allerdings nicht die Titelfigur, sondern das russische Volk, umgesetzt durch beeindruckende Massenszenen.

„Die feinen Züge der menschlichen Natur und der menschlichen Masse aufzufinden, ein eigensinniges Bohren in diesen unerforschten Regionen und ihre Eroberung – das ist die Mission des echten Künstlers. Zu neuen Ufern!“ – Modest Mussorgskij

In Paris wird Mussorgskijs Hauptwerk in der Urfassung noch an elf weiteren Abenden bis zum 12. Juli 2018 zu erleben sein.

 

Foto: Théâtre du Capitole de Toulouse / Patrice Nin