Schott Music

Skip to Main Content »

7. Mai 2018

Werk der Woche – Bernd Alois Zimmermann: Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne

2018 ist Bernd-Alois-Zimmermann-Jahr und so widmet sich das Festival „ACHT BRÜCKEN – Musik für Köln“ insbesondere dem Werk des Kölner Komponisten, der im März 100 Jahre alt geworden wäre. Als Abschluss des Schwerpunkts steht Zimmermanns letztes Werk Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne am 10. Mai 2018 in der Kölner Philharmonie auf dem Programm. Es musiziert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Michael Wendeberg zusammen mit dem Bariton Georg Nigl und dem Chor des Bach-Vereins Köln. Die beiden Sprecherparts übernehmen Franz Mazura und Jakob Diehl.

Zimmermann arbeitete über einen längeren Zeitraum hinweg an seiner „Ekklesiastischen Aktion“, wie er die Komposition auch bezeichnete. In den Vorarbeiten zu seinem Requiem für einen jungen Dichter und auch zur Kantate Omnia tempus habent finden sich bereits Skizzen, die als Vorstufen eindeutig zu identifizieren sind. Als sein Freund Hans Zender ihn beauftragte, ein Werk für ein Festkonzert anlässlich der olympischen Segelwettbewerbe in Kiel 1972 zu komponieren, nahm Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne seine endgültige Gestalt an. Am 5. August 1970, fünf Tage vor seinem Freitod, vollendete Zimmermann sein letztes Werk. Unter Zenders Dirigat wurde das dramatische Stück vom Philharmonischen Orchester der Stadt Kiel am 2. September 1972 in Kiel uraufgeführt.

Bernd Alois Zimmermann – Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne: Es ist genug

Die Musik der „Ekklesiastischen Aktion“ drückt Zimmermanns Verzweiflung über das ewige Leiden der Menschen und den Machtmissbrauch der katholischen Kirche aus. Als Grundlage dienen zum einen die biblischen Verse aus dem 4. Kapitel des Buches Prediger und zum anderen die Legende vom Großinquisitor aus Fjodor Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow. In der Verbindung und Kontrastierung der narrativen und musikalischen Ebene kommt der für Zimmermann typische pluralistische Stil zum Tragen: Er experimentiert mit verschiedenen Arten des stimmlich-sprachlichen Ausdrucks zwischen Singen und Sprechen, was dem Werk einen fast hörspielartigen Charakter verleiht. Die Musik steht im Dienst der Textvermittlung und orientiert sich streng an der Struktur des Textes. Im simultanen Aufeinandertreffen aller Ebenen findet das Werk seinen Höhepunkt. Einziges musikalisches Zitat in dieser Komposition ist der Choralsatz Es ist genug aus der Bach-Kantate BWV 60 O Ewigkeit, du Donnerwort, mit dem das Werk, schlagartig unterbrochen von Posaunen und Pauken, endet. Damit schlägt Zimmermann einen Bogen von seinem letzten Werk zum frühen Violinkonzert, das mit der gleichen Passage schließt und 1950 zu seinem ersten größeren Erfolg werden sollte.

„Es ist genug, Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus“.
– aus Kantate BWV 60 O Ewigkeit, du Donnerwort, Text von Franz Burmeister

Am 2. Juni 2018 spielt das Seattle Philharmonic Orchestra die „Ekklesiastische Aktion“ in der Benaroya Hall in Seattle. Die nächsten Veranstaltungen im Rahmen des Zimmermann-Jahrs sind u.a. am 11. Mai mit Tratto II an der Musikhochschule Lübeck, am 13. Mai mit der Metamorphose im Konzerthaus Berlin und in Köln folgen am 11., 13., 17., 19. und 20. Mai weitere Aufführungen der Oper Die Soldaten.