Schott Music

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19. August 2019

Werk der Woche – Henri Dutilleux: L’arbre des songes

L’arbre des songes, der Baum der Träume – was für ein passender Abschluss für ein Konzert, das mit Rêverie et Caprice von Hector Berlioz beginnt. Mit einem buchstäblich traumhaften Programm schlägt das Orchestre national de Lyon am 21. August in La Côte-Saint-André einen Bogen von Berlioz über Ravel und Debussy bis zu Dutilleux. Kristiina Poska dirigiert und an der Violine bildet Renaud Capuçon den Konterpart zum Orchester.

Den Solisten verbindet einiges mit dem Widmungsträger von L’arbre des songes, Isaac Stern: Capuçon war nicht nur dessen Schüler, sondern spielt seit 2005 auch die Guarneri ‘del Gesù’-Geige ‘Panette’, die zuvor 50 Jahre in Sterns Händen war. L’arbre des songes entstand im Auftrag von Radio France für Isaac Stern und gehört wohl zu den meistgespielten zeitgenössischen Violinkonzerten.

 L’arbre des songes – Klangbaum frei von Konventionen

An die Stelle konventioneller Mehrsätzigkeit treten Orchesterzwischenspiele, damit die „Bezauberung“ durch das Werk sich nicht in den Pausen zwischen den Sätzen verflüchtigt. Das dritte Zwischenspiel ist in zweierlei Hinsicht besonders: Es erinnert an das Stimmen der Instrumente vor dem Konzert. Und es ist das einzige Mal, das Dutilleux aleatorisch komponiert hat. Zufällig treten nach und nach mehr Instrumente zum Duett von Klarinette und Oboe hinzu, ausgehend von frei notierten Klangfolgen.

Neben der Losgelöstheit von einem vorgeformten Rahmen beschreibt der Komponist selbst auch seine Vorliebe für Klang als charakteristisch für seine Hauptwerke. In L’arbre des songes ist dies einerseits der Dialog zwischen Solovioline und Orchester, andererseits zwischen Solovioline und Oboe d’amore, die bisweilen als Spiegelbild der Solovioline oder quasi als Stellvertreter des Orchesters fungiert. Außerdem ist der metallische Klang von Glockenspiel, Vibraphon, Harfe, Celesta, Klavier und Crotales über das ganze Stück hinweg ein strukturierendes Element: Er variiert motivisches Material aus der Solostimme und ist am Ende einzelner Formteile Gegenpol zu melodischem Netz von Streichern und Holzbläsern.

Das Werk entfaltet sich wie ein Baum, dessen Äste sich stets verzweigen und erneuern. Diese Symbolik zusammen mit der Vorstellung von einer periodischen Wiederkehr haben mich bewogen, dem Werk seinen eigentlichen Titel „L’arbre des songes“ (Der Baum der Träume) zu geben. – Henri Dutilleux

Das Konzert beim Festival Berlioz in La Côte-Saint-André wird von Radio France ausgestrahlt und auch auf www.francemusique.fr gestreamt.