Schott Music

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8. April 2019

Werk der Woche – Franz Liszt: Sardanapalo

Franz Liszt ist berühmt für seine virtuosen Klavierwerke und seine Sinfonischen Dichtungen. Weniger bekannt ist hingegen sein musikdramatisches Schaffen. Viele Aufzeichnungen zeugen von Liszts Beschäftigung mit der Gattung der Oper, die aber meist nicht über Fragmente hinausging. Am weitesten ausgearbeitet sind die Skizzen zur Oper Sardanapalo. Diese wurden in den vergangenen Jahren von dem Musikwissenschaftler David Trippett rekonstruiert. Am 9. April 2019 wird das Opernfragment im serbischen Novi Sad konzertant aufgeführt.

Anfang der 1840er Jahre wollte Liszt seine schöpferische Bandbreite erweitern, indem er sich der Oper zuwandte. Dafür schwebten ihm unter anderem Stoffe von Goethe, Dumas und Dante vor. Besonders die Werke des englischen Dichters Lord Byron interessierten ihn und er blieb schließlich an dessen Tragödie Sardanapalus von 1821 hängen. Das Libretto zur Oper schrieb ein italienischer Dichter, der für Liszt und die Nachwelt anonym bleiben sollte und mit dem Liszt über eine gemeinsame Freundin korrespondierte. 1850 begann Liszt mit der Komposition des ersten Akts. Die Textfassung für die weiteren Akte blieb jedoch problematisch und unvollendet, was ein möglicher Grund dafür war, dass die Arbeit an der Oper nicht fortgesetzt wurde.

Der namensgebende König Sardanapalo war der letzte König von Assyrien. Wichtiger als Politik, Krieg und Macht waren dem Hedonisten die Freuden des Lebens, besonders die Liebe zu seiner Kurtisane Mirra. Der Staatsmann Beleso kann Sardanapalo schließlich überzeugen, doch in den Krieg zu ziehen – der erste Akt endet mit der Vorahnung der kommenden Schlachten. Doch der Krieg geht verloren, und im Angesicht der Niederlage lässt sich Sardanapalo zusammen mit Mirra inmitten von Düften und Gewürzen verbrennen. Diesen Suizid im Exzess wollte Liszt wohl zum furiosen Finale seiner Oper machen.

Franz Liszt: Sardanapalo – eindrucksvolles, rekonstruiertes Opernfragment

Über 150 Jahre nachdem Liszt den ersten Akt zu Sardanapalo komponierte, übernahm der Musikwissenschaftler Trippett in seiner Rekonstruktion nun die Arbeit, die Liszt einst seinem Assistenten Joachim Raff zugedacht hatte, wie dessen Notizen belegen. Liszts Aufzeichnungen zum ersten Akt enthalten bis auf wenige fehlende Passagen die auskomponierten Singstimmen und ein Particell. Die darin enthaltenen Angaben zur Orchestrierung übernahm Trippett und rekonstruierte zudem fehlende Stellen.

Diese Lücken und die vielfältigen Kurzschriften sind nicht so überraschend, wenn man bedenkt, dass Liszt dieses Manuskript nur für sich selbst geschrieben hat und dass er jeweils genau wusste, was er meinte. Seine musikalische Erinnerungsfähigkeit war phänomenal, er musste nur notieren, was für ihn nicht offensichtlich war. Diesen Kompositionsprozess aufzudröseln und die kreative Entscheidungsfindung nachzuvollziehen, war, wenn man so will, absolut faszinierend. –  David Trippett

Bei der Aufführung in Serbien spielt das Orchester des Serbischen Nationaltheaters unter der Leitung von Gianluca Marcianò. Kürzlich erschien zudem die Ersteinspielung der rekonstruierten Oper beim Label audite. Die Aufnahme entstand bei der konzertanten Uraufführung von Sardanapalo im August 2018 in Weimar. Die Staatskapelle Weimar, die Liszt zu Lebzeiten selbst für einige Jahre geleitet hatte, führte das Opernfragment unter der Leitung von Kirill Karabits auf, in den Gesangsrollen brillierten Joyce El-Khoury, Airam Hernández und Oleksandr Pushniak. Die Entstehungsgeschichte des Opernfragments ist damit aber immer noch nicht vollendet, denn eine szenische Uraufführung steht noch aus…

 

 

Bild: Eugène Delacroix – Der Tod des Sardanapal (1827/1828)