Schott Music

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7. Mai 2019

Werk der Woche – György Ligeti: Konzert für Klavier und Orchester

Als sein „ästhetisches Credo“, frei von äußeren und stilistischen Zwängen, bezeichnete György Ligeti sein Konzert für Klavier und Orchester. Die fünf Sätze des Konzertes verbinden sich zu einer etwa 25-minütigen Tour de Force voller pianistischer Entdeckungen, die heute zum Repertoire vieler Pianisten zählt. Gleich zwei Orchester führen das Konzert in diesen Tagen auf: Am 9., 10. und 11. Mai 2019 spielt Pierre-Laurent Aimard mit der San Francisco Symphony, Sébastien Vichard tritt an der Seite des Ensemble intercontemporain am 10. Mai 2019 in Paris und am 11. Mai 2019 in Zürich auf.

Etwa zeitgleich zum Klavierkonzert nahm Ligeti in den 1980er Jahren die Arbeit an den Études pour piano auf, die die klanglichen und technischen Möglichkeiten des Klaviers neu erkunden. So sind in beiden Werken ähnliche Spiel- und Kompositionstechniken zu finden. Eine davon ist das Aneinanderreihen vieler kurzer Einzelnoten in einem schnellen Tempo, die dann ein stehendes, fast schwebendes Klanggewebe bilden. Im Klavierkonzert prägt diese Technik besonders die lebendigen und quirligen Rahmensätze.

Daneben arbeitet Ligeti in den Instrumentalstimmen einen vielschichtigen Klangreichtum heraus, etwa wenn die Streicher ein geräuschhaftes Pizzicato spielen, die Bläser mit Dämpfer metallische Farben erzeugen oder Naturtöne spielen. Ungewöhnliche Instrumente erweitern den Klangraum zusätzlich: So treten zu Beginn des zweiten Satz Alt-Okarina und Lotosflöte in ein sehnsuchtsvolles Gespräch mit Piccolo und Fagott.

György Ligeti: Konzert für Klavier und Orchester – Pianistisches Standardrepertoire aus dem 20. Jahrhundert

Seinen Tonvorrat sucht Ligeti in unterschiedlichen Modi wie der Ganztonleiter oder der Pentatonik und verwendet zudem oft mehrere Tonarten gleichzeitig. Dies prägt im Zusammenwirken ganz ungewöhnliche Charaktere aus, die zusammen mit den komplexen Rhythmen und der harmonischen Ausgestaltung in Mixturen zu illusionistischen Klanggestalten werden. Dabei ergeben sich Verbindungen zwischen den Motiven in den verschiedenen Instrumenten, die kaum in den Noten auszumachen sind und nur durch die Wahrnehmung des Zusammenklanges entstehen.

Die mir so wichtigen musikalischen Illusionen sind kein Selbstzweck, vielmehr Grundlage meiner ästhetischen Haltung. Ich bevorzuge musikalische Formen, die weniger prozesshaft, eher objektartig beschaffen sind: Musik als gefrorene Zeit, als Gegenstand im imaginären, in unserer Vorstellung evozierten Raum, als ein Gebilde, das sich zwar real in der verfließenden Zeit entfaltet, doch imaginär in der Gleichzeitigkeit in all seinen Momenten gegenwärtig ist. Die Zeit zu bannen, ihr Vergehen aufzuheben, sie ins Jetzt des Augenblicks einzuschließen, ist primäres Ziel meines Komponierens. – György Ligeti

Neben dem Konzert für Klavier und Orchester werden in Paris am 10. Mai 2019 auch Ligetis Konzert für Violine und Orchester sowie sein Hamburgisches Konzert für Horn und Kammerorchester aufgeführt. Außerdem spielt das City of Birmingham Symphony Orchestra am 9. Mai 2019 das Concert Românesc und am 10. Mai 2019 feiert Ligetis Oper Le Grand Macabre Premiere in der Elbphilharmonie Hamburg.