Schott Music

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6. Juni 2016

Werk der Woche – György Ligeti: Lontano

Am 12. Juni dieses Jahres jährt sich György Ligetis Todestag zum zehnten Mal. Zu diesem Anlass finden diverse Aufführungen seiner Musik statt. Eines seiner wohl bekanntesten Werke, Lontano für großes Orchester, wird am 8. und 9. Juni mit den Bamberger Symphonikern und dem Dirigenten Jonathan Nott in der Konzerthalle Bamberg gespielt. Ein Gastspiel mit gleichem Programm und gleicher Besetzung gibt es am 11. Juni im Konzerthaus Wien.

Ligetis Orchesterwerke haben einen sehr eigenen und unverkennbaren Charakter. Seine Musik entwickelt sich nicht mit Hilfe der gewohnten formgebenden Stilmittel, wie motivisch-thematischer Arbeit, Kadenzierungen und traditionellen Formprinzipien. Die Atmosphäre entsteht vielmehr auf eine völlig neue Weise: Aus einem einzigen Ton im pppp entwickelt das in Einzelstimmen geteilte Orchester kanonartig immer dichtere polyphone Strukturen, die sich gegenseitig überlagern. Auf diese Weise gelingt es Ligeti, eine durchdringende Spannung aufzubauen, die auch von berühmten Filmregisseuren erkannt und verwendet wurde. Sowohl in Stanley Kubricks Horrorfilm The Shining als auch in Martin Scorseses Psychothriller Shutter Island ist Lontano wichtiges Hilfsmittel, um die unheimliche Stimmung aufzubauen und zu halten.

Lontano von György Ligeti: Klangflächenmusik und Mikropolyphonie

Die italienische Vortragsanweisung ‚lontano‘ bedeutet übersetzt ‚weit weg‘ bzw. ‚entfernt‘ und gibt an, dass ein Spieler beispielsweise hinter der Bühne zu spielen hat, damit seine Stimme klingt als komme sie aus großer Entfernung. Ligeti hat diese Spielanweisung zum Formprinzip entwickelt. Das Spiel mit der Distanz war jedoch nicht seine einzige Innovation: Als Gegenentwurf zur seriellen Musik seiner Zeitgenossen kreierte er die Klangflächenmusik, ein Stilmittel, das Ligeti als das „Einander-Ablösen und Ineinander-Verfließen klingender Flächen und Massen“ beschreibt. Diese Satztechnik arbeitet vorwiegend mit übereinandergelegten Akkorden sowie vertikalen und horizontalen Tonverbindungen in Form von Clustern und Glissandi. Dabei sind Takt und Taktstriche nur zur Orientierung der Musiker vorhanden und setzen keine metrischen Schwerpunkte. Ligeti selbst erklärt seine neuartige Kompositionstechnik so:

Die ‘harmonische Kristallisation’ innerhalb des Sonoritätenbereichs führt zu einem intervallisch-harmonischen Denken, das sich von der traditionellen Harmonik – auch von der atonalen – grundsätzlich unterscheidet. Technisch wird dies mit polyphonen Mitteln erreicht: Die fiktiven Harmonien sind Ergebnis der komplexen Stimmverwebung, die allmähliche Trübung und das Neu-Herauskristallisieren ist das Resultat der diskreten Änderungen in den einzelnen Stimmen. Die Polyphonie selbst ist fast unmerklich, ihr harmonisches Ergebnis jedoch stellt das eigentliche musikalische Geschehen dar: Geschrieben ist die Polyphonie, zu hören die Harmonik. – Ligeti

Bei den Konzerten mit den Bamberger Symphonikern wird auch Ligetis San Francisco Polyphony zu hören sein. Ebenfalls werden rund um seinen Todestag weitere seiner Werke aufgeführt: Am 10. und 11. Juni sind die Bearbeitungen von drei Koloraturarien aus der Oper Le Grand Macabre mit dem Titel Mysteries of the Macabre  unter der musikalischen Leitung von Paul Wegemann Taylor in der Tonhalle Zürich und in Rheinau zu hören und Melodien für Orchester wird am 18. Juni mit dem Dirigenten Wiktor Kociuban und dem Orchester Sinfonia Iuventus in Warschau aufgeführt. Das städtische Orchester Bremerhaven spielt, geleitet von dem Dirigenten Marc Niemann, das Concert Românesc am 20. und 21. Juni in der Stadthalle.