Werk der Woche — Harry Partch: Delusion of the Fury

3. Oktober 2016 Werk der Woche - Harry Partch: Delusion of the fury (Ensemble Musikfabrik / Ruhrtriennale 2013)

Bei der Ruhr­tri­en­nale 2013 war Harry Partchs Schlüs­sel- und Spät­werk Delu­sion of the Fury von 1965/66 als euro­päi­sche Erst­auf­füh­rung in einer Insze­nie­rung von Hei­ner Goeb­bels zu ent­de­cken. Die Pro­duk­tion mit dem Ensem­ble Musik­fa­brik wurde seit­her in Oslo, Genf, Ams­ter­dam, Edin­burgh, New York City und Paris gezeigt. Am 7. Okto­ber 2016 gelangt sie im tai­wa­ne­si­schen Tai­chung auf die Bühne und stellt gleich­zei­tig die asia­ti­sche Erst­auf­füh­rung dar.

Harry Partch: Der Don Quixote der Musik?

Von zeit­ge­nös­si­schen Kri­ti­kern wurde Partch als “Don Qui­xote” der Musik bezeich­net. Nach heu­ti­gem Ver­ständ­nis war er ein hoch­in­spi­rier­ter Musik­phi­lo­soph und Pio­nier, der sich als einer der ers­ten Kom­po­nis­ten fast aus­schließ­lich mit Mikro­to­na­li­tät befasste. Er erfand sein eige­nes Ton­sys­tem basie­rend auf 43 eng gestaf­fel­ten, rei­nen Mikro­tö­nen pro Oktave. Dazu ent­wi­ckelte er einen Kos­mos eige­ner, meist per­kus­si­ver Instru­mente von unge­wöhn­li­cher Gestalt und unge­wohn­tem Klang.

Mit tra­di­tio­nel­ler Oper hat Partchs Musik­thea­ter­ent­wurf Delu­sion of the Fury nichts gemein. Aus­ge­hend von japa­ni­schen und afri­ka­ni­schen Mythen ent­wi­ckelte er ein Stück zwi­schen Traum und Wahn, das alle thea­tra­len Mit­tel wie Licht, Bewe­gung, Gesang sowie die außer­or­dent­li­che Prä­senz sei­ner Instru­mente inte­griert. Ein Thea­ter ohne prä­zi­sen Ort ent­steht, bei dem sich die Zeit­ebe­nen über­la­gern. Es gewährt einen Blick auf eine Kul­tur, die uns gleich­sam fremd und ver­traut erscheint. Partch spannt in zwei Akten ein ritu­el­les Netz, das das Leben und die Ver­söh­nung der Leben­den mit dem Tod fei­ert.

Delusion of the Fury: Oper auf Glühbirnen und Schnapsflaschen

Viele der rund 25 Klang­skulp­tu­ren aus Partchs exo­ti­schem Instru­men­ta­rium sind Ver­wandte der Marimba – aller­dings recht ent­fernte: Die “Marimba Eroica” etwa besteht aus vier rie­si­gen Klangstä­ben nebst Reso­nanz­kör­pern. Bei der “Mazda Marimba” klin­gen Glüh­bir­nen; beim “Zymo-Xyi” sind es Schnaps- und Likörf­la­schen. Die “Cloud Cham­ber Bowls” wir­ken von ferne wie aus einem Lam­pen­la­den. Aber was da in einem höl­zer­nen Rah­men hängt, sind keine Lam­pen, son­dern abge­schnit­tene und durch Beschlei­fen gestimmte Ober­teile rie­si­ger Labor-Glas­ge­fäße. Mit filz­ge­dämpf­ten Schlä­geln gespielt, klin­gen sie wie ein tie­fes Glo­cken­spiel.

Nun, ich denke, meine Musik ist wirk­lich kör­per­lich. Sie besitzt ein kör­per­li­ches Fee­ling. Es ist mir wich­tig, wie die Instru­mente aus­se­hen. Sie sind Objekte im Raum und sie sind räum­li­che Pro­dukte. Und da sie räum­lich sind, müs­sen sie toll aus­se­hen, sie müs­sen ganz von sich aus inspi­rie­rend sein. Als nächs­tes der­je­nige, der das Instru­ment spielt, ist ein Teil des Instru­ments. Es ist eine Ein­heit, eine Gesamt­heit. Und, mein Gott, wenn ich etwas dar­über sagen sollte: Er wird nicht wie ein kali­for­ni­scher Ama­teur-Pflau­men­pflü­cker aus­se­hen! – Harry Partch

Eine wei­tere Vor­stel­lung der erfolg­rei­chen Pro­duk­tion ist am 8. Okto­ber 2016 in Tai­chung zu sehen. Inspi­riert durch die Auf­füh­rungs­se­rie der Ruhr­tri­en­nale und das Ensem­ble Musik­fa­brik hat Schott begon­nen, eine neue Publi­ka­ti­ons­reihe zu ver­öf­fent­li­chen: Partchs unnach­ahm­li­ches Noten­bild wird seit­dem als Stu­di­en­par­ti­tu­ren in Fak­si­mile-Edi­tion im Druck und als Down­load ver­füg­bar gemacht. Delu­sion of the Fury kön­nen Sie über den unten ste­hen­den Link bei Nota­fina gra­tis als Vor­schau lesen.

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