Schott Music

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31. Oktober 2016

Werk der Woche – Heinz Holliger: Konzert „Hommage à Louis Soutter“

Am 5. November 2016 wird Heinz Holligers Violinkonzert „Hommage à Louis Soutter“ zum ersten Mal in Portugal aufgeführt. Unter der Leitung des Komponisten spielt das Sinfonieorchester des „Porto Casa da Música“. Den Solopart übernimmt Thomas Zehetmair, der das ihm gewidmete Werk seit der Uraufführung 1995 regelmäßig spielt.

Das Konzert ist wie andere konzertante Werke Holligers (Siebengesang, Turm-Musik) von einer Künstlerbiographie inspiriert. Musikalisch zeichnet Holliger das Leben des Malers Louis Soutter nach, von dessen erstem Bild aus dem Jahre 1904 bis zu seinem Tod 1942. Soutters Leben und Kunst waren geprägt von einer psychischen Erkrankung und einem obsessiven Schaffensdrang. Die letzten 20 Jahre verbrachte er in einem Pflegeheim, wo er die meisten seiner Bilder produzierte. Zum Schluss malte er mit den Fingern, teilweise mit dem ganzen Körper. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Art Brut“.

Holligers „Hommage à Louis Soutter“ – ‘Male wahr. Wahrheit ist schrecklich.‘ (Hermann Hesse)

Die vier Sätze des Konzerts (I Deuil – II Obsession – III Ombres – IV Epilog) sind ohne Pause miteinander verbunden. Der erste Satz Deuil (Trauer) beinhaltet Zitate aus der dritten Sonate von Eugène Ysaÿe, der Soutter, in jungen Jahren selbst ein begnadeter Geiger,  jahrelang Unterricht gab. Soutter spielte im „Orchestre de la Suisse Romande“, dessen 75. Geburtstag Anlass für Holligers Komposition war. Das im elegischen ersten Satz angelegte Potential des Wahnsinns wird zur Realität. Der Hörer durchlebt diese Entwicklung in der mitreißenden Rhythmik von Obsession. Der anschließende Satz Ombres (Schatten) zeigt den Zustand, komplett aus dem gewohnten Leben entrissen zu sein. Der spukhafte und kontrastreiche Satz steigert sich, bis die Musik am Ende komplett in sich zusammenfällt.

Der letzte Satz Epilog wurde später hinzugefügt und zum ersten Mal 2002 in Heidelberg aufgeführt. Holliger greift die resignative Atmosphäre von Soutters Bild „Vor dem Massaker“ auf. Es ist Musik der Agonie. Die Violine verschmilzt mit gequälten Akkorden, die mit düsteren Klangfarben des Orchesters gezeichnet sind. Wie die schattenhaften und gekrümmten Figuren Soutters hinterlassen sie unmittelbar einen zutiefst beklemmenden Eindruck.

Für mich ist das Anderssein etwas, das zum Leben gehört. Ich suche nicht nach dem Krankhaften in einem Menschen. Ich suche nach Menschen, die keine Grenzen in ihrer Fantasie haben, die hinübergehen können, ob das in die Welt des Wahnsinns ist oder in ein Jenseits, beides ist miteinander verwandt. Solche Leute haben einfach feinere Antennen als andere, sie haben direkteren Zugang zu ihrem Unterbewusstsein. – Heinz Holliger

Das Casa da Música in Porto setzt sich in dieser Woche intensiv mit dem Schweizer Komponisten auseinander. Am 1. November wird dort Holligers Scardanelli-Zyklus gespielt, in dem er Texte aus Friedrich Hölderlins ebenfalls von mentaler Instabilität geprägtem Spätwerk vertont. Am Nachmittag des 5. November werden einige seiner Kompositionen für Soloinstrumente im ganzen Konzerthaus verteilt zu hören sein, um auf die Aufführung am Abend vorzubereiten. Neben dem Violinkonzert stehen Werke von Claude Debussy und Henri Dutilleux auf dem Programm.