Schott Music

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29. Mai 2017

Werk der Woche: Jörg Widmann – Babylon

Am 3. Juni 2017 ist Jörg Widmanns Oper Babylon erstmals nach ihrer Münchner Uraufführungsproduktion zu erleben. Im Concertgebouw Amsterdam wird sie im Rahmen des Holland Festivals konzertant aufgeführt. Es spielen das Radio Filharmonisch Orkest mit den Chören Groot Omreopkoor und Nederlands Kamerkoor unter der Leitung von Markus Stenz.

Mit Babylon schrieb der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk sein erstes und bislang einziges Opernlibretto. Es entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten, der die Idee einer Babylon-Oper schon lange in sich getragen hatte. Die Oper umfasst sieben Bilder, die eine Geschichte rund um Liebe, Zerstörung, Tod und Rettung erzählen. Die Geschichte Babylons wird darin nicht umgeschrieben, Widmann rückt sie dennoch in ein neues Licht. Er wendet sich bewusst ab von der Biblischen Darstellung, nach der die Babylonier das uneingeschränkt Schlechte verkörpern.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen der jüdische Tammu, seine Seele und Inanna, eine babylonische Priesterin der gleichnamigen Göttin des Krieges und der freien Liebe. Tammu, der von Inanna verführt wird, erlebt im Traum die Sintflut Babylons durch den als Figur auftretenden Fluss Euphrat. Im Kontrast zur sinnlichen Liebe der Priesterin steht die Seele, die Tammu zurück zu gewinnen versucht. Um die Götter gewogen zu stimmen, soll ein Menschenopfer dargebracht werden. Die Wahl fällt auf Tammu und dieser wird als Höhepunkt einer wilden, karnevalistischen Neujahrsfeier auf dem babylonischen Turm hingerichtet. In ihrer beider Trauer vereinen sich die Seele und die babylonische Priesterin. Inanna kann Tammu schließlich retten; sie befreit ihn aus der Unterwelt, indem sie ihn beim Verlassen ebenjener nicht aus den Augen verliert: Eine Umdeutung des aus dem Orpheus-Mythos bekannten Motivs, in dem Orpheus sich nicht zu seiner Geliebten Eurydike umdrehen darf. Ein neuer Vertrag wird zwischen den Menschen und Göttern geschlossen, der die Ordnung wieder herstellt und die Zeit nach der noch heute bestehenden Sieben-Tage-Woche strukturiert.

Widmanns Babylon: Zwischen Chaos und Ordnung

Der Gedanke an Babylon ist unmittelbar mit dem Turmbau, dessen Fehlschlag und der Sprachverwirrung als Bestrafung für den Hochmut der Menschen verbunden. Diese Motive spielen im Libretto jedoch eher eine untergeordnete Rolle. Dennoch muss das Publikum – auch bei einer konzertanten Aufführung – nicht darauf verzichten, denn Widmann hat diese Motive in seine Komposition eingebaut. So ist es kein Zufall, dass Babylon nach der babylonischen Zahl aus genau sieben Bildern besteht. Auch innerhalb der Oper taucht diese Zahl als ordnungsstiftendes Element immer wieder auf, sei es durch sieben Planeten, durch ein Affenseptett oder die finale Einführung der Sieben-Tage-Woche. Doch die Zahl Sieben ist nicht das einzig formgebende Element der Oper. Während das erste Bild etwa 45 Minuten dauert, verkürzen sich die Tableaus nach und nach bis zu einer Länge von sieben Minuten. Die Oper ist damit aufgebaut wie ein Zikkurat; mit jedem Bild kommt eine weitere Ebene des Tempelturmes hinzu. Neben all dieser Form und Ordnung herrscht in Babylon im Grunde Chaos. Widmann kommt dem mit großer Orchester- und Chorbesetzung und beachtlicher musikalischer Vielfalt nach. Der Komponist bedient sich aus Elementen unterschiedlichster Stile von alter bis neuer Musik, Tanz- und Marschmusik, verschiedener Formen bis hin zu Szenen, die zeitgleich ablaufen.

Der Turm wird in der Musik gebaut und die Sprachverwirrung findet nicht im Libretto, sondern in der Musik statt. Aus diesen disparaten Elementen nun doch ein stringentes Ganzes zu formen, dem habe ich mich voll und ganz ausgeliefert und das hat mich immer wieder zerrissen, weil es im Prinzip ein Ding der Unmöglichkeit ist. – Jörg Widmann

Das Concertgebouw Amsterdam bleibt auch in seiner zukünftigen Programmplanung beim Thema: Am 14., 15. und 16. März 2018 spielen Franz Welser-Möst und das Koninklijk Concertgebouworkest die halbstündige Babylon-Suite für großes Orchester, die Widmann aus seiner Oper formte.

 

Foto: © Wilfried Hösl (Inszenierung der Uraufführung in München)