Schott Music

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7. November 2016

Werk der Woche: Karl Amadeus Hartmann – Simplicius Simplicissimus

Am 11. November wird in London Karl Amadeus Hartmanns Oper Simplicius Simplicissimus in einer Inszenierung von Polly Graham zur britischen Erstaufführung gebracht. Die Britten Sinfonia spielt unter der Leitung von Timothy Redmond. Gesungen wird in einer neuen englischen Übersetzung von David Pountney.

Die Oper erzählt in drei Akten die Geschichte des naiven Bauernkinds Simplicius Simplicissimus, dem „Allereinfältigsten“, zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Simplicius versteht seinen Ziehvater nicht, wenn er ihn vor dem Bösen warnt und träumt von einem „Lebensbaum“, bis ihr Hof komplett zerstört wird. Im zweiten Akt findet er Zuflucht bei einem Einsiedel, der Simplicius die wichtigsten Dinge des Lebens lehrt. Im finalen Akt wird der Junge verschleppt und dem Gouverneur vorgeführt, wo er ausschließlich die Wahrheit sagt, wie er es von dem Einsiedel gelernt hat. Der belustigte Gouverneur lässt Simplicius mit Narrenfreiheit sein Weltbild vortragen. Rückblickend versteht Simplicius seinen Traum als Symbol für gesellschaftliche Ungleichheit.

Karl Amadeus Hartmanns Simplicius Simplicissimus – Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Die 1934-1935 komponierte Oper wurde erst 1949 szenisch uraufgeführt, da Hartmanns Werke zur Zeit des Nationalsozialismus nicht gespielt wurden. Er komponierte in einer Art innerer Emigration für die Schublade. Sein Simplicius ist geprägt von den politischen Umständen der Zeit. Die grauenvollen Geschehnisse des Dreißigjährigen Krieges, wie sie im 1668 erschienenen Roman „Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen beschrieben werden, werden von Hartmann in die Gegenwart geholt. Durch die Verbindung von ungleichzeitigen Geschichtsereignissen wird die Oper zu einer Parabel gegen Krieg und Gewaltherrschaft.

Ich machte mich mit dem Buch vertraut; die Zustandsschilderungen aus dem Dreißigjährigen Krieg schlugen mich seltsam in Bann. Wie gegenwärtig kam mir das vor: „Die Zeiten sein so wunderlich, daß niemand wissen kann, ob du ohn Verlust deines Lebens wieder herauskommest…‘“ Da war der Einzelne hilflos der Verheerung und Verwilderung einer Epoche ausgeliefert, in der unser Volk schon einmal nahe daran gewesen ist, seinen seelischen Kern zu verlieren. Und nirgends war Rettung als nur in dem, was das Gemüt des einfachen Menschen dagegen aufbrauchte. – Karl Amadeus Hartmann

Die Verbindung von ungleichzeitigen Ereignissen wird musikalisch durch Zitate umgesetzt. An zahlreichen Stellen klingen Werke an, die von den Nationalsozialisten als „entartete Musik“ klassifiziert wurden. Auch jüdisch geprägte Melodiefragmete mischen sich in die abwechslungsreiche Klangsprache, aus der sich ein komplexes Beziehungs- und Bedeutungsnetzwerk ergibt. Eine wichtige Rolle spielt die seit dem 13. Jahrhundert bekannte Volksweise, die um 1506 mit „oh Welt, ich muss dich lassen“ betextet wurde. Der Rückzug aus der Welt ist ein wichtiges Motiv für Hartmanns Werk, gleichzeitig zeigt die Oper aber dessen Unmöglichkeit. Selbst in Simplicius‘ Fantasie und in Hartmanns Auseinandersetzung mit älterer Geschichte spiegelt sich unvermeidlich die Realität. Auch für die heutige politische Situation ist der Inhalt der Oper relevant.

Simplicius Simplicissimus wird in der Independent Opera at Sadler’s Wells bis zum 19. November noch drei weitere Male aufgeführt. Ab dem 28. Januar 2017 ist das Stück auch in Bremen zu sehen.

 

 

Foto: Monika Rittershaus, Oper Frankfurt 2009