Schott Music

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10. Juni 2019

Werk der Woche – Noriko Koide: Oyster Lullaby

Die japanische Stadt Hiroshima war eigentlich schon immer bekannt für ihre Austern, die im Meer vor der Stadt gezüchtet werden. Die Austernbänke werden in Noriko Koides neuem Werk Oyster Lullaby zum Symbol der Erinnerung an das traurige Schicksal der Stadt. Das Orchesterstück, das von den Veranstaltern der Konzertreihe „Hiroshima Happy New Ear“ in Auftrag gegeben wurde, wird am 14. Juni 2019 uraufgeführt. Seitaro Ishikawa dirigiert dazu das Hiroshima Symphony Orchestra.

Bei einer Reise nach Hiroshima besichtige Koide die Austernbänke und war fasziniert, wie sich die eng aneinandergereihten Muscheln in den Wellen wiegten, fast so als ob sie leise atmend schlafen würden. Diese Bild brachte die japanische Komponistin in Verbindung mit der Geschichte Hiroshimas, das im August 1945 fast vollständig zerstört wurde und sehr viele Todesopfer zu beklagen hatte.

Unerkannt von den Menschen haben die Austern traurige Erinnerungen aufgenommen, gereinigt und ausgeatmet und beruhigen mit jedem Atem das Meer seit dem Kriegsende bis zum heutigen Tag. – Noriko Koide

Diese Beruhigung durch das Atmen setzt Koide in Oyster Lullaby auf besondere Weise in der Musik um: Die Holzbläser sind aufgefordert, ihren Atem hörbar zu machen, indem sie mit dem Mundstück oder mit Glasflaschen Klänge mit einem hörbaren Luftanteil erzeugen oder ganz ohne Instrumente laut atmen. Die Streicher hingegen setzen vermehrt Flageoletts, Glissandi und Kombinationen daraus ein. Ein vielfältiger Schlagzeugapparat komplettiert das Klangbild, unter anderem durch den Einsatz von Regenmachern, Talking Shaker und leeren Austernschalen.

Noriko Koide: Oyster Lullaby – Austern als Symbol der Erinnerung und Reinigung

Durch diese Instrumente und Spielweisen schafft Koide eine zarte und zerbrechliche Atmosphäre, die den Klängen des Atems freien Raum lässt und dennoch eine spannende Dichte schafft. Bewegte Passagen und Melodien schaffen dazu einen Kontrast, doch am Ende herrscht wieder Zartheit vor.

Die Konzerte der „Hiroshima Happy New Ear“-Konzertreihe werden von dem Komponisten Toshio Hosokawa als musikalischem Direktor betreut. Sein Werk Voyage V ist im Konzert am 14. Juni 2019 zu hören. Neben Oyster Lullaby von Noriko Koide erklingt außerdem noch Two Souls von Federico Gardella in einer neuen Version für kleines Orchester.