Schott Music

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14. Januar 2019

Werk der Woche – Richard Strauss: Elektra

Eine außergewöhnliche Symbiose von Musikwissenschaft und künstlerischer Praxis suchen die Herausgeber und Forscher der aktuell entstehenden kritischen Ausgabe Richard Strauss Werke (RSW). Anstatt die Ausgabe nur für die musikwissenschaftliche Forschung zu erstellen wird von Anfang an der Bezug zur Aufführungspraxis gesucht. Denn angelehnt an die Gesamtausgabe werden Aufführungsmaterialien erstellt, die die neuen Erkenntnisse aufgreifen. Ein vorläufiges Aufführungsmaterial zur Oper Elektra wird nun erstmals für eine Opernproduktion verwendet: Am 19. Januar 2019 ist Premiere mit neu ediertem Notenmaterial am Landestheater Linz. Die musikalische Leitung übernimmt Markus Poschner, Michael Schulz führt Regie. Die Sopranistin Miina-Liisa Värelä singt die namensgebende Elektra. In weiteren Rollen sind Katherine Lerner als Klytämnestra, Brigitte Geller als Chrysothemis, Matthäus Schmidlechner als Ägisth und Michael Wagner als Orest zu sehen.

Die RSW stellt die erste wissenschaftlich-kritische Ausgabe zum Œuvre des Komponisten dar und wird mehr als 60 Bände umfassen. Die gesamte Edition wird seit 2011 an der Ludwig-Maximilians-Universität München erarbeitet und von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften München in Zusammenarbeit mit dem Richard-Strauss-Institut Garmisch-Partenkirchen herausgegeben. Nachdem bereits drei Bände mit Liedern und sinfonischen Dichtungen erschienen sind, wird im April 2019 als erstes Bühnenwerk der Band zu Salome veröffentlicht; darauf folgt dann Elektra.

Eine Vielzahl von Quellen, von der ersten Partiturniederschrift über verschiedene Notenausgaben bis hin zu Briefen, werden im Entstehungsprozess gesichtet, so fließen die neuesten Forschungsergebnisse mit in die Werkausgabe ein. Parallel dazu entsteht Aufführungsmaterial, das seinen Fokus auf die Musikpraxis legt, sich aber dennoch an den Ergebnissen der Werkausgabe orientiert. Das ist bisher einmalig bei der Entstehung von wissenschaftlichen Komponisten-Werkausgaben. Bislang wurde, wenn überhaupt, erst nach der Fertigstellung der gesamten Werkausgabe Aufführungsmaterial dazu veröffentlicht. Neue Erkenntnisse und auch Fehler, die erst bei der Aufführung ausfindig gemacht wurden, konnten dann nicht mehr auf die Werkausgabe übertragen werden. Deshalb wird das Aufführungsmaterial zu Elektra in Linz nun erstmals genutzt und anschließend nochmals überarbeitet, bevor der entsprechende Band zur Oper veröffentlicht werden kann.

Richard Strauss – Elektra: weltbekannte Oper mit neuem Notenmaterial

Das Libretto der Oper von Hugo von Hofmannsthal basiert auf dem gleichnamigen antiken Drama von Sophokles. Protagonistin ist die Außenseiterin Elektra, die den Mord an ihrem Vater Agamemnon rächen will. Der wurde von seiner Frau Klytämnestra und ihrem Geliebten ermordet. Als Elektras tot geglaubter Bruder Orest auftaucht, sieht sie den Zeitpunkt zur Rache gekommen. Strauss setzt die Handlung mit den extremsten musikalischen Mitteln seiner Zeit um und dringt damit ins Innerste der Gefühlswelten seiner Figuren vor. Die Rachsucht Elektras kennt keine Skrupel und scheut nicht davor zurück, die eigene Mutter Klytämnestra zu töten. Diese wiederum ist dem Wahnsinn verfallen und leidet an Albträumen. Der Mord am Gatten scheint sie nicht loszulassen. Und dann ist da noch Elektras Schwester Chrysothemis, die sich nicht in den Strudel von Schuld und Gewalt ziehen lassen will. Richard Strauss beschreibt seine Motivation zur Komposition von Elektra in seinen „Betrachtungen und Erinnerungen“:

„Jedoch der Wunsch, dieses dämonische, ekstatische Griechentum des 6. Jahrhunderts Winckelmannschen Römerkopien und Goethescher Humanität entgegenzustellen, gewann das Übergewicht über die Bedenken, und so ist „Elektra“  [gegenüber der „Salome“ – d.Red.] sogar noch eine Steigerung geworden in der Geschlossenheit des Aufbaus, in der Gewalt der Steigerungen.“

Diese Ansichten manifestieren sich in einer ausdrucksstarken Musik, die die Tonalität bis an ihre Grenzen erweitert. Zusammen mit einem groß besetzten Orchester und einer differenzierten Instrumentation schuf Strauss so ein klanggewaltiges Meisterwerk, das nun erstmals mit historisch-kritischem Aufführungsmaterial auf die Bühne kommt. Die Oper Elektra wird am Landestheater Linz noch an elf weiteren Abenden bis April 2019 aufgeführt.

Foto: Staatstheater Nürnberg / Ludwig Olah